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Bei Audiodeskription kommt es auf jedes Wort an

Posted in Veranstaltungsbericht

Ist es ein Tresen oder ist es ein Klotz? Bei der Nachschulung der AutorInnen und BlindenredakteurInnen des Berliner Spielplan Audiodeskription am 18. September 2020 im Theaterhaus auf der Werkstattbühne kommt es auf jedes Wort an. „Tresen“ und „Klotz“ beschreiben jeweils ein rechteckiges Objekt, aber während „Klotz“ ungenau erscheint, hat man bei dem Wort „Tresen“ sofort eine Kneipe im Kopf, die vielleicht gar nicht ins Stück gehört. Auf solche Feinheiten kommt es beim Schreiben einer Audiodeskription an. Kein Wunder, dass meistens zwischen drei und vier AutorInnen an diesem Prozess beteiligt sind. Die langjährige Audiodeskriptorin Anke Nicolai leitet gemeinsam mit unserer Projektleiterin Imke Baumann das Auffrischungsseminar direkt vor Ort und digital via ZOOM.

Das blinde Publikum sollte über das Aussehen der SchauspielerInnen aufgeklärt werden

Am Vormittag spricht Anke mit den TeilnehmerInnen über die vergangenen Herausforderungen. Wieder einmal taucht die Frage auf: Welche Sprache ist bei einer Audiodeskription akzeptabel? Sollten bei einer multikulturellen Besetzung wie „Hamlet“ nur die nicht-europäischen Darsteller beschrieben werden? Sollte man schwarzafrikanisch oder doch lieber afrodeutsch sagen? In jedem Fall herrscht Einigkeit darüber, dass auch das blinde Publikum ein Recht darauf hat, über das Aussehen der DarstellerInnen aufgeklärt zu werden. Zusätzlich wird besprochen, wie man komplexe Bühnenbilder wie das von „Dreimal leben“ beschreibt. Hier gibt es zwei Drehbühnen und einen äußeren beweglichen Ring, die sich immer wieder während der Vorstellung drehen. Diese Bewegungen bzw. ihre Effekte und wo sich die Objekte und Figuren dabei und hinterher befinden, müssen beschrieben werden. Dann gibt es noch Theaterstücke, die so laut sind, dass man stellenweise nicht sprechen kann. Ein Schlagzeug dominiert das Stück „Othello“. Leider passiert währenddessen so einiges, dass irgendwie vor den Trommeleinlagen vermittelt werden muss. So stellt sich zum Beispiel die Frage, ob das Ende von „Othello“ bereits vorweggenommen werden sollte, da der ausgang eines solch klassischen Werkes ohnehin zumeist bekannt ist.

© Imke Baumann. Der Theaterraum mit schwarzen Wänden: Anke Nicolai sitzt mit dem Rücken zum Betrachter an einem Tisch. Vor ihr liegt ein Laptop, dessen Bildschirminhalt sich auf der großen Projektionsfläche abbildet. An der rechten Wand sitzen Jutta Polic und Eva-Katherina Jost an ihren Tischen und schauen zu Anke.
© Imke Baumann. Audiodeskriptions-Schulung mit Anke Nicolai.


Schulung als Hybrid

Einerseits aufgrund von Corona und andererseits aus Gründen der lokalen Unabhängigkeit findet die Schulung an diesem Tag als Hybrid statt. Während einige TeilnehmerInnen wie Jutta Polić, Charlotte Miggel und Silja Korn ganz analog präsent sind, nehmen andere wie Felix Koch und Roswitha Röding digital über ZOOM teil. Die größte Herausforderung bei diesem Experiment besteht Imke zufolge in der Internetverbindung: „Das war meine größte Sorge, dass wir hier einbrechen.“ Diese Sorge erfüllt sich jedoch nicht. Zwar hören sich die Anwesenden doppelt und es gibt auch eine leichte Verzögerung in der Übertragung der virtuell Anwesenden, aber das, so befindet Imke, sei ein annehmbares Übel.

Immer wieder müssen die AutorInnen um die anschaulichsten Wörter ringen

Generell verläuft die Schulung anders als noch vor einem Jahr. Damals saßen die TeilnehmerInnen in Gruppen von zwei bis drei zusammen und arbeiteten gemeinsam an einer Beschreibung. Heute sitzt jeder einzeln mit gebührendem Abstand an seinem oder ihrem eigenen Tisch und schreibt den Text für die Audiodeskription. Wie das vonstattengeht, erzählt Jutta Polić. Sie bearbeitet das Stück „Die große Wörterfabrik“ aus dem Theater der jungen Welt Leipzig. Das Stück handelt von einer Welt, in der alle Wörter gekauft werden müssen und von Paul und Marie, die sich ineinander verlieben.
Zuerst hört sich Jutta einen Teil des Stückes an. Dann beginnt sie, sich die Timecodes für die Sprechpausen aufzuschreiben und probiert schon einmal ein paar Beschreibungen aus. Muss sie eine Beschreibung schnell sprechen, markiert sie sich das mit einem „S“. Wenn etwas sehr schnell gesprochen werden muss, setzt sie ein „S+“ daneben. Und so könnte sich das dann anhören:

AD: Das Licht hellt auf. Hinter dem Tresen tauchen rechts der Mann mit der Puppe Paul, links die Frau mit der Puppe Marie auf.
Schauspieler: Das ist Paul und das ist Marie. Sie kennen sich noch nicht, aber gleich wird Paul den Kopf drehen.
AD: Er tut es.
Schauspieler: Und dann…
AD: Paul reißt den Mund auf.

Für das Schreiben einer AD gibt es klare Vorlagen. Zuerst schreibt sich die Autorin den Timecode auf, dann den letzten gesprochenen Satz und zuletzt die Beschreibung in der nächsten Zeile. Für eine AD von 45 Minuten braucht Jutta ungefähr drei Stunden. Die Beschreibung ist ein langwieriger Prozess. Immer wieder muss sie um die anschaulichsten Wörter ringen und dafür sorgen, dass sie in die Sprechpausen passen. Deshalb erfüllt hier und da Gemurmel die kleine Werkstattbühne, wenn die AutorInnen ihre Texte ausprobieren.

Zum Glück beherrscht Imke etwas Polnisch

An anderer Stelle arbeitet Imke an einer AD für die Oper Jenufa. „Links öffnet sich die Rückwand für einen Spalt. Jenufa im roten Kleid schaut auf das Kornfeld in der Abendsonne. Sie reckt sich, dreht sich um und betritt den Raum. Sie trägt eine buschige rote Topfpflanze in der Hand.“ Die besondere Herausforderung besteht Imke zufolge darin, dass die Oper mit der Musik, dem gesungenen Wort und den Gesten über viele Kanäle verfügt, die alle wahrgenommen werden wollen. Zum einen muss natürlich das Bühnengeschehen beschrieben, zum anderen aber auch das Gesungene übersetzt werden. Pausen in der musikalischen Darbietung gibt es keine. Also ist es an ihr zu entscheiden, wie viel die ZuschauerInnen wissen müssen und an welcher Stelle sie einfach nur die Musik wirken lassen kann. Die Markierung der Timecodes erweist sich als schwierig, da die Oper auf Tschechisch gesungen wird. Zum Glück beherrscht Imke etwas Polnisch.
Trotz der besten Vorbereitung muss eine Theater-Audiodeskription flexibel sein, denn die SchauspielerInnen halten sich nicht immer ans Skript. Genauso wie jede Theatervorstellung von Tag zu Tag unterschiedlich ist, ist es auch die AD.

…und dass alles bitteschön mit so wenig Interpretation wie möglich

Am Ende der Nachschulung haben wir wieder einmal gesehen, wie anspruchsvoll das Texten einer Audiodeskription und die Live-Beschreibung ist. Nicht nur auf zeitliche Anpassung und eindeutige Wörter muss geachtet werden, sondern auch darauf, was die SchauspielerInnen in diesem Augenblick auf der Bühne treiben. Die Wörter sollten wertfrei und zugleich bildhaft sein. Einige akustische Eindrücke können für sich stehen, andere müssen beschrieben werden. Die Stimmung des Stücks sollte ebenfalls vermittelt werden und das alles bitteschön mit so wenig Interpretation wie möglich. Auf meiner Seite besteht deshalb keinen Zweifel daran, dass Audiodeskription eher eine Kunst als eine Dienstleistung ist.