Mit dem Theaterbeirat hat der Berliner Spielplan Audiodeskription ein neues Gremium ins Leben gerufen – mit dem Ziel, Audiodeskription über die Laufzeit des Projekts Berliner Spielplan Audiodeskription hinaus an den Berliner Theatern fest zu etablieren.
Lesen Sie hier das Konzept des Theaterbeirats
Der Theaterbeirat des „Berliner Spielplan Audiodeskription“
Von Juni 2022 bis Mai 2023
Das sich entwickelnde Selbstverständnis des Theaterbeirats
Der Theaterbeirat bietet die Möglichkeit einer selbstbestimmten und aktiven Beratungstätigkeit durch blinde und sehbehinderte Theaterinteressierte im Bereich Audiodeskription.
12 Mitglieder, akquiriert im Juni und Juli 2022 über die Vereinszeitungen und Newsletter der Interessenverbände Allgemeiner Blinden- und Sehbehinderten Verband und der Pro Retina Deutschland durch Lavinia Knop-Walling als hauptamtliche Mitarbeiterin des Berliner Spielplan Audiodeskription und Monika Seeling-Entrich als Ehrenamtliche, bilden den Beirat. Eine Hälfte der Mitglieder nimmt aktiv einmal im Monat an den Treffen (im Wechsel vor Ort im Deutschen Theater und im Zoom-Meeting) und Aktivitäten des Beirates teil.
Als Ansprechpartner für die Berliner Theater, die Audiodeskription für ein blindes und sehbehindertes Publikum anbieten, stehen die Mitglieder zum kontinuierlichen Austausch über die Bedürfnisse der blinden und sehbehinderten Zielgruppe mit den Mitarbeitenden in den Häusern zur Verfügung.
Um Audiodeskription in Berlin weiterhin anbieten zu können, braucht es den nachhaltigen Kontakt zwischen den Bühnen und dem seheingeschränkten Publikum.
Die Theater benötigen und wollen mehr Wissen im Umgang mit einer sehr speziellen Besuchergruppe.
Blinde und sehbehinderte Menschen haben ihrerseits mangels bisheriger Angebote wenige Anknüpfungspunkte mit den Theatern und ihren Praktiken.
Aktivitäten und Workshops
Der Theaterbeirat bot inhaltlich mit den Theatern abgestimmte Workshops zur Sensibilisierung und Beratung der Theatermitarbeiter*innen an – und arbeitete sich in deren Problemlagen ein:
- Sensibilisierung für analoge und digitale Barrierefreiheit
- Blick hinter die Kulissen eines Theaters bzw. der Produktion einer Audiodeskription im weiteren Sinne
- Was braucht ein blindes und sehbehindertes Publikum um sich am Theater willkommen zu fühlen?
- Werbung für ein blindes und sehbehindertes Publikum
Die Workshops bzw. Veranstaltungen fanden in regelmäßigem Abstand statt und wurden von vom Theaterbeirat recherchierten und beauftragten Expertinnen und Experten im jeweiligen Themenbereich abgehalten.
Um die Selbstbildung zu unterstützen, wurden externe Gäste aus den Theatern oder, je nach gewähltem Thema, fachliche Spezialist*innen sowie weitere Mitglieder der Referenzgruppe dazu gebeten.
Die dadurch entstandenen Diskussionen förderten die Professionalität des Beirates und halfen, den Kontakt zu den Theatern über die Veranstaltungen hinaus aufrecht zu erhalten.
Die primäre Zielgruppe waren zunächst die Theater, die bereits Erfahrungen mit Audiodeskription gesammelt haben: Berliner Ensemble, Deutsches Theater Berlin, Deutsche Oper Berlin, Friedrichstadt-Palast Berlin und das Theater an der Parkaue sowie die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und die Schaubühne. Darüber hinaus hat sich mit der Schaubude Berlin und dem Hebbel am Ufer als nicht zum Projekt des BSA gehörenden Theatern eine Zusammenarbeit angebahnt.
Im August 2022 wurde ein Arbeitsplan erstellt und mit der Vorbereitung der Workshops begonnen.
Am 4. Oktober 2022 fand der Workshop „Suchen, Finden, Bekommen, Genießen – Digitale Barrierefreiheit an Berliner Theatern“ an der Deutschen Oper Berlin statt.
Stefan Heinke stellte DIN-Normen für digitale Barrierefreiheit vor und zeigt anhand von Beispielen auf Theater-Webseiten, welche Barrieren es für blinde Nutzerinnen und Nutzer gibt. Manuela Myszka ergänzte aus der Perspektive von sehbehinderten Nutzerinnen und Nutzern. Sie führte in die Erstellung von barrierefreien Programmheften ein. Sieben Theater waren der Einladung gefolgt. Drei Mitglieder des Theaterbeirates moderierten und unterstützten den Diskussionsprozess der Veranstaltung.
Die Mitglieder des Theaterbeirates erarbeiteten einen Publikumsleitfaden mit dem Titel „Was man bei einem Theaterbesuch mit Audiodeskription wissen sollte“
Vom 30. Januar bis 3. Februar 2023 gab es im Rahmen einer Theaterwoche „Ein Blick hinter die Kulissen“ drei Veranstaltungen um die Themen
- Was muss ich wissen, wenn ich zu einer Theater- oder Opernvorstellung mit AD gehe, was erwartet mich
- Theaterbesuch außerhalb einer Vorstellung (Blick hinter die Kulissen)
- Kennenlernen der Räumlichkeiten eines Theaters
- Abläufe an den Theatern: täglicher Wechsel der Vorstellungen, Aufwand Bühnenumbau, Personalaufwand für Inszenierungen
- Wie entsteht eine Audiodeskription im Zusammenspiel mit den Theatern und Opernhäuser
- Notwendigkeit einer Preispolitik für die Theater, was steckt drin im Ticketpreis
- Intensivierung der Kontakte zwischen den Theatern und uns als Publikum, was gibt es Neues
- Besuch einer Theatervorstellung/Revue
Am 1. Februar 2023 konnte „Ein Blick hinter die Kulissen eines Theaters“ in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz geworfen werden.
Gekommen waren 12 Mieter und Mieterinnen mit Begleitung aus dem Blindenhilfswerk Berlin und weitere Interessierte. Der Publikumsbereich des Theaters konnte besichtigt und die Bühne begangen werden, wichtige Requisiten eines Theaterstückes konnten ertastet, eine Drehbühne in Aktion sowie die Abläufe zur Vorbereitung eines Theaterabend hautnah erlebt werden
Die Teilnehmenden ertasteten die Lichttechnik und erfuhren viel Wissenswertes über Akustik im Theater sowie über das Handwerk eines Schauspielers, einer Schauspielerin. Die Mitarbeitenden der Kostümabteilung hatten im Foyer einen kleinen Fundus zur Verfügung gestellt und beantworteten bereitwillig alle Fragen. Das Ganze wurde umrahmt von Anekdoten aus der Geschichte der Volksbühne. Es gab die Möglichkeit zu erfahren, wie eine Audiodeskription am Theater entsteht und wo die Sprecherin im Theater am Abend ihren Platz findet.
Der Theaterbeirat hatte im Vorfeld die Publikums-Handreichung bekannt gemacht und stand mit eigenen Erfahrungen zur Verfügung, um Berührungsängste des blinden und sehbeeinträchtigten Publikums abzubauen. Manche Teilnehmende waren zum ersten Mal in einem Theater.
Am 2. Februar 2023 wurde zur interaktiven „Gesprächsrunde zum Thema Theater/ Theater spielen“ im Blindenhilfswerk Steglitz eingeladen.
Die Teilnehmenden waren Mieter und Mieterinnen des Blindenhilfswerkes, weitere Interessierte und die ehrenamtliche Koordinatorin des Theaterbeirates. Es konnte selbst Theater gespielt und das Hineinschlüpfen in andere Rollen ausprobiert werden. Alle noch offenen Fragen rund um einen Theaterbesuch mit Audiodeskription (siehe Leitfaden) wurden besprochen.
Die dritte Veranstaltung der Theaterwoche war am 3.Februar 2023 der Besuch der Vorstellung „ARISE“ im Friedrichstadtpalast mit Audiodeskription.
Zehn Mieter und Mieterinnen des Blindenhilfswerkes Berlin mit Begleitung und weitere Interessierte saßen im Publikum.
Es wurde gezeigt, wie ein Theaterabend mit Audiodeskription am Friedrichstadt-Palast abläuft: Einlass eine Stunde vor den anderen Besuchern, Ausgabe der Empfangsgeräte und Kopfhörer, Tastführung am Modell, Preboarding und Audiodeskriptive Stückeinführung.
Die interessierten Besucher*innen konnten erleben, dass es sehr gut geschulte Mitarbeitende am Theater gibt, die Blinden und Sehbeeinträchtigten Unterstützung anbieten und für einen schönen und genussvollen Theaterabend sorgen.
Einen Bericht zur Veranstaltung finden Sie unter: https://blindenhilfswerk-berlin.de/theater-theater-aber-barrierefrei/
Am 29. März 2023 besuchten 34 Teilnehmende aus den Theatern, dem ABSV, von den Berliner Festspielen, der Berlinischen Galerie, von Förderband e.V./BSA, dem Theaterbeirat, von Visit berlin, dem MIR-Gelsenkirchen und andere Interessierte den Workshop „Wo seid Ihr? – Wir machen Werbung für ein blindes und sehbehindertes Theaterpublikum…“ im Friedrichstadt Palast.
Moderiert wurde die Veranstaltung von einer Audiodeskriptorin und der Koordinatorin des Theaterbeirates.
Die Themenschwerpunkte waren:
- Publikumsgewinnung
- Wo ist unsere Zielgruppe?
- Wie erreichen wir unsere Zielgruppe?
- Veröffentlichung des AD-Spielplans an einem zentralen Ort im Internet
- Erweiterung des Netzwerkes
- Öffentlichkeitsarbeit
- Gute Praxis, voneinander lernen
- Austausch zwischen Theatern, Publikum und anderen Expertinnen und Experten
Am 20. und 21. April 2023 haben drei Mitglieder des Theaterbeirates am Symposium „Hören, was andere sehen“ am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen teilgenommen, um sich in den deutschlandweiten Diskurs zum Thema Audiodeskription an Theater und Oper einzubringen.
Zwei Mitglieder führten zwei Workshops durch zum Thema Teilhabe und Zugänglichkeit – Kompetenzen und Voraussetzungen, damit blinde Theaterbesucherinnen und Theaterbesucher sich willkommen fühlen.
Es gab großes Interesse und eine sehr gute Rückmeldung.
Fazit
Etablierung einer stabil arbeitenden Referenzgruppe, die als Expertinnen und Experten in eigener Sache den Theatern und Opernhäusern in ihrer Entwicklung zu barrierefreien Kulturstätten zur Seite steht und deren Mitglieder sich fachpolitisch einbringen.
Erarbeitung allgemein anerkannter und respektierter Standards für Audiodeskription an Theatern und Opernhäusern, in Anlehnung an die Standards von Film, Fernsehen und Sport. Die Notwendigkeit ergibt sich aus einer dringend erforderlichen Qualitätssicherung.
Der Theaterbeirat hat eine Gründungsphase von einem Jahr durchlaufen, in der er durch die Herbert-Funke-Stiftung und die LOTTO-Stiftung Berlin finanziert wurde.
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