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Was ist die richtige Sprache in einer Audiodeskription?

Posted in Interviews

Audiodeskription ist mehr als nur ein Service, mehr als ein Kommentar zu einem Theaterstück oder Kinofilm: Audiodeskription ist eine Kunst mit besonderen Herausforderungen. Darüber sprechen wir am 23. Mai 2020 im zweiten Theaterclub des Berliner Spielplan Audiodeskription. Zu Gast ist diesmal die Audiodeskriptorin Maila Giesder-Pempelforth. Die ausgebildete Schauspielerin spricht seit 2013 Live-Beschreibungen für ein blindes und sehbehindertes Theaterpublikum, unter anderem für das Schauspiel Leipzig. In diesem Interview geht es um die Inszenierung von Peer Gynt von Henrik Ibsen unter der Regie von Philipp Preuss. Im Verlauf des Interviews und später in der Fragerunde schneiden wir Punkte an, die für die Erstellung einer Audiodeskription entscheidend sind. Dazu zählt in erster Linie die Frage: Was ist die „richtige“ Sprache?

Beschreiben oder nicht beschreiben?

„Peer Gynt“ macht deutlich, dass man als Audiodeskriptorin nicht vor eindeutiger Sprache zurückschrecken darf. Sexuelle Andeutungen und teilweise sehr explizite Beschreibungen wie „“Er onaniert“ können zu Diskussionen zwischen den SchauspielerInnen und dem Audiodeskriptionsteam führen.
„Da haben wir witzigerweise mit dem Felix Axel Preißler, einer von den Peer Gynts, ein ganz interessantes Gespräch geführt“, erklärt Maila, „weil er sich angestoßen hat an der Szene, wo ihm das Mikrofon von den Sennerinnen zwischen die Beine gesteckt wird, und er anfängt, das Mikrofon zu reiben und wir es beschrieben haben, als ‚Er onaniert‘. Er meint, das ist doch unsere Assoziation! Er hat doch nicht onaniert! Natürlich sind wir über diesen Kommentar von ihm in Diskussion geraten und es stimmt natürlich. Das ist der schmale Grat. Da gibt es jetzt kein Richtig oder kein Falsch. Dann haben wir gesagt: Wir müssen unser Publikum nicht für dumm verkaufen. Und es geht vielleicht den kleinen Schritt zu viel, weil es eben in eine Wertung oder Interpretation reingeht, aber es spiegelt einfach die Szene wider.“
Auch in einer späteren Szene, in der Peer mit einem Russen, einem Deutschen und einer Sexarbeiterin im Auto sitzt, nimmt die Audiodeskription kein Blatt vor den Mund. Anstatt sich für „Prostituierte“ als neutralen Ausdruck zu entscheiden, wählt das Autorenteam der Audiodeskription den abwertenden Begriff „Nutte“.
„Wie sie von den Peers und den Geschäftsmännern behandelt wird, ist abwertend“, sagt Maila. „Es geht in dieser Szene um Sklaverei, um Menschenhandel. Auch diese Prostituierte wird behandelt, als ob sie nichts wert ist. Wir haben uns entschieden, in der Sprache dem so Ausdruck zu verleihen, indem wir das Wort ‚Nutte‘ wählen. Wie man mit ihr umgeht, wie sie mit ihr spielen, war das für uns der richtigere Begriff. Vielleicht nicht der politisch korrekte, aber das war für uns, die an der Audiodeskription geschrieben haben, das Treffendere.“
Einzig als es um die Schminke der Prostituierten geht, bleibt die Audiodeskription stumm. Während Peer über seine Karriere als Sklavenhändler philosophiert, schminkt die Prostituierte ihre Lippen rot und umrandet sie mit schwarzer Farbe. Das lässt ein kontroverses Bild entstehen, das jedoch für das blinde Publikum nicht beschrieben wird. Maila erklärt, dass das Schwarzmalen wegen des dichten Dialogs in dieser Szene weggelassen wurde: „Es war auch nur stilisiert. Sie war nicht komplett schwarz geschminkt. Man befindet sich da auch auf einem sehr schmalen Grat, politisch inkorrekt zu sein, wobei ich persönlich denke, am Theater passiert nichts zufällig. Auch wenn eine afrikanisch stämmige Person mit einer Figur besetzt wird und dunkle Hautfarbe hat, muss man das dem Zuschauer nicht vorenthalten.“ Im Theater wird in der Regel wesentlich mehr gesprochen als vergleichsweise in einem Kinofilm. Da muss man sich schon gut überlegen, was man als Audiodeskriptor beschreibt und was nicht. Trotzdem finde ich es bemerkenswert, dass ein so kontroverses Bild weggelassen wird.

Audiodeskription als Spiegel des Theaterstücks

Die Sprache der Audiodeskription beeinflusst in jedem Fall, wie das Publikum ein Theaterstück versteht. Maila zufolge ist sie als Teil eines Kunstwerks selbst ein künstlerischer Akt: „Es ist mein Wunsch und auch mein Anspruch, dass die Audiodeskription als Kunstwerk herausgegeben wird, dass darin all diese Sachen widergespiegelt werden sollen, die die Inszenierung auch hat. Das heißt, dass man dann auch über solche Begrifflichkeiten diskutiert und dass man versucht, das Treffendste zu finden.“ Wenn also ein Theaterstück wie „Peer Gynt“ sich einer sehr expliziten Bildsprache bedient, muss die Audiodeskription das auch widerspiegeln. Ansonsten werden dem blinden und sehbehinderten Publikum wichtige Informationen zum Verständnis des Stücks vorenthalten.
Einen Ausschnitt aus dem Interview mit Maila könnt ihr in unserem Podcast nachhören. Im Juni könnt ihr euch dann auch wieder auf viele neue Theaterstücke mit Audiodeskription in unserem Spielplan freuen. Am 15. Juni 2020 zeigt das Deutsche Theater „Die Pest“. Vom 16. Bis zum 18. Juni folgen die Sophiensäle mit dem inklusiven Stück „No Limits“ völlig live. Und am 23. Und 24. Juni könnt ihr euch auf die Oper „Jenufa“ mit Audiodeskription in der Deutschen Oper Berlin freuen. Ein heißer Sommeranfang!