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Jenufa mit Audiodeskription verdient das Wort „Kunstwerk“

Posted in Theaterrezension

Zwei Stunden Oper und das auch noch auf Tschechisch? Zuerst klingt das nicht besonders spannend, aber „Jenufa“ von Leos Janácek ist gerade wegen der lebhaften Beschreibung von Anke Nicolai und Nadja Schulz-Berlinghoff den zweiten Blick bzw. das offene Ohr wert. Eigentlich sollte die „Zauberflöte“ von Mozart die erste Oper mit Audiodeskription in der Deutschen Oper Berlin sein. Der Text war fertig, die Termine gesetzt. Und dann kam der Lock-Down… Statt der „Zauberflöte“ feiert die Deutsche Oper nun mit einem anderen Werk ihre Premiere.
In der Jenufa- Inszenierung von Christoph Leu stehen enttäuschte Liebe, Kindsmord und Angst vor gesellschaftlicher Schande in einem mährischen Dorf im Mittelpunkt. Jenufa ist eine hübsche junge Frau, die sich von dem Dorf-Casanova Števa verführen lässt. Sie wird schwanger und bittet Števa, sie schnell zu heiraten. Ihre Stiefmutter, die Küsterin, weiß nichts von dem Kind und stellt sich gegen die Ehe. Nur wenn Števa ein Jahr lang nüchtern bleibt, will sie der Heirat zustimmen. Der junge Laca ist ebenfalls in Jenufa verliebt. In einem Streit wirft er ihr vor, dass Števa sie nur wegen ihrer Schönheit liebt. Und tatsächlich, als Laca Jenufa mit dem Messer entstellt, will Števa sie nicht mehr haben. Sie bekommt ihr Kind heimlich im Haus ihrer Stiefmutter. Als Laca sich bereit erklärt, Jenufa zu heiraten, ertränkt Jenufas Stiefmutter das Kind im tiefsten Winter. Doch sobald das Eis schmilzt, entdecken die Dorfleute, was die Küsterin getan hat. Ein überaus dramatisches Werk, das trotz seiner Länge, durch die Audiodeskription die Aufmerksamkeit festhält.

Zum ersten Mal erlebe ich ein Stück mit zwei Audiodeskriptorinnen

Das ist das erste Mal, dass ich ein Stück miterleben durfte, das von zwei AudiodeskriptorInnen beschrieben wird. Anke Nicolai spricht nüchtern das Bühnengeschehen ein. Nadja Schulz-Berlinghoff übernimmt die Untertitelung des Gesungenen. Als Autor ist außerdem Felix Koch an der Erstellung der Audiodeskription beteiligt. Gemeinsam erschaffen sie ein wahres Kunstwerk der Audiodeskription. Die Kombination ihrer beiden Stimmen macht die Beschreibung so lebhaft, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass sehende ZuschauerInnen mehr Spaß daran gehabt hätten.
Besonders gefällt mir Nadjas Performance. Normalerweise ist Audiodeskription so wertfrei wie möglich. Gerade hier, wo die Emotionen auch im Gesang hochkochen, finde ich es fantastisch, dass Nadjas Stimme mal träumerisch wie Jenufas Gesang, mal schwärmerisch wie Lacas Liebe zu Jenufa, mal wütend und verbittert wie Petronas Stimme klingt. In einer Oper, wo alles gesungen wird und zudem in einer Fremdsprache bin ich sehr froh, dass der Text nicht einfach trocken übersetzt und vorgetragen wird, sondern dass die Audiodeskription auf die Stimmung der SängerInnen eingeht. Das macht sie für mich viel greifbarer. Zum Beispiel kann man Jenufas Verzweiflung, als sie nach ihrem Sohn sucht, auch aus dem Gesang heraushören, aber ohne Nadjas Übersetzung wäre mir das nie so nahe gegangen. Ein perfektes Beispiel, wie Audiodeskription ein Stück noch verbessern kann.

Der dramatische Gesang und die tschechische Sprache verdeutlichen den Gewissenskonflikt der Küsterin

Von den Figuren gefällt mir die Küsterin, Jenufas Stiefmutter, am besten. Sie verliebte sich als Mädchen in Števas Onkel wegen seiner Schönheit. Als sie verheiratet waren, entpuppte er sich jedoch als Spieler, der dem Alkohol zu sehr zugeneigt und auch gewalttätig war. Ihr innerer Konflikt: Sie möchte Jenufa und vor allem sich selbst vor der Schande eines unehelichen Kindes bewahren. Gleichzeitig hasst sie Števas Familie für das, was sie ihr und ihrer Stieftochter angetan haben. Die Erniedrigung wird komplett, als sie Števa trotzdem um die Ehe mit Jenufa bittet. Er schreckt davor zurück, fürchtet sich vor Jenufas entstelltem Gesicht und auch vor seiner Tante, die er als Hexe bezeichnet. Als einzigen Ausweg sieht Petrona den Tod des Kindes, das sie ebenso hasst wie Števa selbst. Sie versucht, ihre Tat vor Gott zu rechtfertigen.

„ich ertrug es nicht, dass wegen eines Kindes zwei Leben ruiniert werden sollten.“

Aber es gelingt ihr nicht. Ihre Hände brennen seit sie das Kind unters Eis gedrückt hat und sie wird immer kränker. Ihr Gewissenskonflikt wurde durch die Sängerin und die tschechische Sprache mit ihren rollenden R’s verdeutlicht. Sie ist bei Weitem die spannendste Figur der ganzen Oper.

Ich hoffe, dass es weitere Stücke dieser Art geben wird

In „Die Perlenfischer“ wird die Beschreibung von einer Audiodeskriptorin eingesprochen und für die Untertitelung des Gesungenen indirekte Rede verwendet. Dort habe ich zwar die Handlung verstanden. Bei „Jenufa“ habe ich aber auch gefühlt, worum es ging. Das war für mich eine immersive Erfahrung. Diese Audiodeskription verdient wirklich das Wort „Kunstwerk“.