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Audiodeskription: eine Zumutung für Sehende?

Posted in Veranstaltungsbericht

Ist Theater mit Audiodeskription für Sehende eine Zumutung? Mit dieser Frage beschäftigen wir uns im vierten Theaterclub des Berliner Spielplan Audiodeskription. Dabei ist die Audiodeskriptorin Joyce Ferse. Sie arbeitete unter anderem an der Beschreibung für „Die Zauberflöte“ mit, bevor diese im April coronabedingt abgesagt werden musste. Außerdem spielt sie regelmäßig bei der Jugendtheaterwerkstatt (JTW) Spandau als Laienschauspielerin mit. Das ist übrigens das einzige Theater in Berlin, das offene Audiodeskription anbietet. Das heißt, die Beschreibung wird für alle hörbar über einen Lautsprecher eingesprochen.
Als zweiten Gast haben wir Lars Gebhardt, Dramaturg an der Deutschen Oper, eingeladen. Lars hätte im April ebenfalls an der Zauberflöte mitgewirkt und die Tastführung geleitet. Zudem hat er die Oper „Jenufa“, die im Juni und August als Livestream mit AUDIODESKRIPTION gezeigt wurde, bereits in mehreren Inszenierungen und mit Audiodeskription erlebt. Gemeinsam mit unseren ZuhörerInnen diskutieren wir heute darüber, wie die Jenufa-Oper sowie zukünftige Opern und Theaterstücke gestaltet sein müssten, um AUDIODESKRIPTION als Kunstform, die allen etwas nützt zu etablieren.

Wie der Blick anders gelenkt wird

Zunächst einmal hören wir uns die Messerszene aus „Jenufa“ an. Hier verletzt der eifersüchtige Laca Jenufa mit einem Messer und macht sie somit für ihren Geliebten Števa unattraktiv. Lars zufolge könnte man eine Oper wie diese sehr gut auch Sehenden mit Audiodeskription präsentieren: „Ich fand es als Sehender wirklich toll zu hören, wie mir der Blick nochmal anders gelenkt wurde: Auf Kleinigkeiten in den Personen, die Beschreibung der Darsteller, der Figuren, auch durchaus die Interpretation, die natürlich in einer Audiodeskription drin ist.“ Auf der anderen Seite gibt er auch zu bedenken, dass gerade eine dialogreiche Oper wie „Jenufa“ mit Audiodeskription überfordern könnte: „Es passiert relativ viel auf der Bühne, es passiert relativ viel Text. Dann kann das schon, ein bisschen überwältigend sein.“

Der Opernbesuch bedarf gründlicher Vorbereitung

Eine Zuhörerin wirft ein, dass die Audiodeskription ihr sehr dabei hilft, auf bestimmte Aspekte des Stücks aufmerksam zu werden, die sie ansonsten mit ihrer Sehbehinderung übersehen würde. Sie wirft aber auch ein, dass sich die Stimmen der Audiodeskriptorinnen bei „Jenufa“ sehr ähneln. Eine Unterteilung in eine männliche und weibliche Stimme wäre kontrastreicher gewesen. An einigen Stellen wird ihrer Meinung nach auch zu viel gesprochen, sodass man sich kaum auf die Musik konzentrieren könne. Abgesehen davon müsse man sich immer auf eine Oper vorbereiten, etwas über die Geschichte lesen, an einem Werkstattbesuch teilnehmen und am besten die Oper gleich mehrmals sehen. Demnach ist ein Opernbesuch generell ein Kunstgenuss, der Vorbereitung und Einarbeitung erfordert.

Wer braucht Kunst generell?

Wir reden aber heute nicht nur über Opern, sondern auch über Theaterstücke mit AUDIODESKRIPTION im Allgemeinen. Joyce berichtet über ihre Erfahrungen mit offener Audiodeskription. Als Schauspielerin ist es eine schwierige, aber auch intensive Herausforderung, nicht reaktiv zu spielen, wenn die Beschreibung alle Bewegungen ansagt. Ihrer Erfahrung nach berichten selbst sehende ZuschauerInnen über ein intensiveres persönlicheres Erlebnis durch die Audiodeskription: „Für das Publikum ist es [das Stück] erfolgreich, wenn man etwas erlebt hat. Man muss nicht alles verstehen, man muss es gefühlt haben. […] die Audiodeskription ist Teil davon. Wenn man das alles als ein Werk sieht, dann hatte man einen schönen Abend.“ Leider bekommt das Publikum nicht immer alles mit, weil es in vielen Stücken nur wenige Lücken zum Hineinsprechen gibt. Besonders auffällig war das bei dem Stück „Herr der Krähen“, wo siebzehn SchauspielerInnen auf einmal auf der Bühne standen. In anderen Inszenierungen wie „Metamorphosen“ verstanden Joyce zufolge die SchauspielerInnen das Stück aber sogar besser durch die Audiodeskription.
Eine Zuhörerin gibt jedoch zu bedenken, dass sich zum Beispiel ihr Mann niemals ein Stück mit Beschreibung anhören würde. Sie brauche es, aber er als Sehender brauche es nicht. Wenn man Audiodeskription als Kunstform ähnlich einem Hörspiel versteht, stellt sich mir die Frage: Wer braucht Kunst generell?

Keine offene Audiodeskription in der Oper

Offene Audiodeskription über Lautsprecher würde allerdings in der Oper nicht funktionieren, wirft Lars ein: „Was glaube ich nicht gehen wird, ist dass man die Oper komplett spielt und live jemand in den Raum laut spricht, sondern es wird über Kopfhörer funktionieren und so hat man immer die Option zu sagen: ja oder nein.“ Eine weitere Möglichkeit wäre es, die Audiodeskription in das Stück einzubauen. Experimente hätte es bereits in der Oper „Koma“ von Georg Friedrich Haas gegeben: „Orchester und Sänger haben komplett im Dunkeln gespielt, […] sodass auch die sehenden Zuschauer auf ihr Gehör zurückgeworfen waren. Es gab keine Übertitelung, sondern nur noch das Hörerlebnis. […] Das mit Audiodeskription zu denken ist noch ein Schritt mehr.“ Generell gibt es leider nur wenige Experimente in Deutschland, die Audiodeskription direkt in das Stück integrieren. Beispiele sind „(in)Visible“ aus der Tanzfabrik Wedding und „No Limit“ aus den Sophiensälen. Ersteres spielt mit der Dunkelheit. Zweiteres integriert Audiodeskription und Gebärdendolmetschung direkt in das Stück.

„Wir sind ein Opernhaus für alle“

Es gibt viele Vorschläge, um Audiodeskription auch für Sehende als Kunstform anzubieten. Als ich vor einigen Monaten mit der Audiodeskriptorin Maila Giesder-Pempelforth gesprochen habe, gab sie an, dass die Theater Audiodeskription für alle als Zumutung empfinden würden. Die Reaktionen von Sehenden auf offene AUDIODESKRIPTION in der JTW Spandau waren jedoch durchweg positiv. Und auch Lars Gebhardt als Dramaturg der Deutschen Oper Berlin scheint zumindest für Experimente offen zu sein: „Es ist ein Zeichen, dass wir ein Opernhaus für alle sind, für Sehende, für Nicht-Sehende, für Sehbehinderte, um die Schwelle niedriger zu machen.“
Wieder einmal enden wir mit der Frage: Ist Audiodeskription ein Service oder eine Kunstform? Im Theaterclub sind sich alle einig, dass es sich um Kunst handelt. Wir haben einige Ansätze diskutiert, wie diese Kunst an Blinde wie Sehende vermittelt werden kann. Ob offene Audiodeskription oder AUDIODESKRIPTION für alle über Kopfhörer oder sogar eingebaut ins Stück. Die Ideen sind da. Hoffen wir mal, dass sie auch umgesetzt werden.