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Digitale Tastführung mit Domino-Effekt

Posted in Allgemein, and Veranstaltungsbericht

Sehen oder Nicht-Sehen, das ist die Frage auf der digitalen Tastführung am 8. Oktober 2020, die gemeinsam vom BSA und dem Theater an der Parkaue organisiert wird. Nur geht es an diesem Tag eher ums Fühlen als ums Sehen. Drei Blinde – Silja Korn, Ugne Metzner und ich – haben das große Glück eine der Stationen des Stückes „Domino-Effekt“ ertasten zu können und zwar live auf ZOOM und Youtube. Wenn man sich mit so vielen Kamera- und Beleuchtungsmenschen nicht wie ein Celebrity vorkommt, dann weiß ich auch nicht. Das Stück ist eine Art Parcours. Die ZuschauerInnen müssen theoretisch durch das ganze Haus gehen und eine Station nach der anderen erleben. Wir sind heute auf Bühne 1, wo nur ein kleiner Teil des Bühnenbildes aufgebaut ist. Zumindest haptisch handelt es sich aber um einen sehr interessanten Teil. Im Laufe der einstündigen Veranstaltung werden wir – die Blinden live vor Ort – das Gefühlte für die Blinden live vor ihren Geräten beschreiben. Imke Baumann, Justus Rothlaender und Michaela Gabriel moderieren, beschreiben und erzählen derweil alles, was man über das Bühnenbild, das Stück und die Geschichte des Hauses wissen muss.

Zuerst einmal wird geredet

Das Stück „Domino-Effekt“ soll die enormen Konsequenzen des Eingriffs des Menschen in die Natur verbildlichen. Michaela erzählt uns etwas über die Geschichte des Hauses. Sie ist schon seit zwanzig Jahren am Haus und hat es noch kennengelernt, als es noch „Theater der Freundschaft“ hieß. In den 1990er Jahren wurde es dann in „Carrousel-Theater an der Parkaue“ umbenannt und seit 2004 heißt es nur noch „Theater an der Parkaue“. Was an dem Wort „Freundschaft“ so schlimm war, wusste niemand so genau. Anscheinend stiegen dabei im wiedervereinten Deutschland ungemütlich kommunistische Assoziationen auf.

Soviel zum Thema Domino-Effekt

Drei Etappen stehen auf unserer Tastführung. Als erstes kommen wir an ein Becken mit relativ ekelhaftem Wasser. Es fühlt sich schleimig und abgestanden an. Trotzdem steckt Silja wagemutig ihre Hände hinein und beschreibt munter drauflos. Das Becken repräsentiert, wie das DDT-Gift auf Borneo angewandt wurde, um Insekten fernzuhalten. Das führte leider dazu, dass die Wespe, die normalerweise eine bestimmte Raupenart frisst, ausgerottet wurde. Daraufhin hatten diese Raupen freie Bahn und einen gewaltigen Appetit. Am liebsten fraßen sie den Bambus, aus dem die Hütten der Einwohner gebaut waren. Soviel zum Thema Domino-Effekt.

Wie Raupe Nimmersatt die Bambushütte verschlang

Das ist unsere nächste Station: ein kleines Modell einer Bambushütte. Sie besteht aus Bambusstäben, die mit dünnen Seilen zusammengebunden sind. In der Mitte hängt ein Windspiel. Wiederum ist Silja die erste, die ihrem Entdeckergeist folgend, in die Hütte kriecht. An einem Ende der Hütte finden wir dann eine riesige Raupe. Eigentlich ist es vorerst nur ein sehr langer und großer Schlafsack. So in der Art fühlt es sich jedenfalls an. Dann aber wird er aufgeblasen und während die Raupe immer größer wird, schubst sie die Hütte um. Ich glaube, die Symbolik dieses Aktes ist uns allen klar. Wenigstens gibt es keine Beton fressenden Raupen. Sonst hätten wir in Berlin ein Problem.

ZOOM-Screenshot derTastführung: Der Blick von oben schaut auf eine riesige grell-grüne aufgeblasene Raupe.

Geschäftsmann oder Power Ranger?

Zuletzt gehen wir zurück an unseren Ausgangspunkt. Dort steigt ein Wind auf. Die Drehbühne tut, was sie am besten kann. Sie dreht sich und offenbart eine weiß getünchte Veranda. Mit dieser Veranda ist eine interessante Geschichte verbunden. Irgendwann einmal wurden in den USA Frösche zur Hochzeit verschenkt. Die frisch gebackenen Bräute konnten dem Frosch etwas von ihrem Urin zu trinken geben. Er verwandelte sich dann nicht in einen Prinzen, sondern wurde blau oder rot. Damit zeigte er an, ob die Frau schwanger war oder nicht. Ob die Frösche diese Prozedur überlebten, wurde nicht angesprochen. Kommt wahrscheinlich darauf an, wie viel sie schlucken mussten. Diese Frösche wanderten nach Panama aus und bedrohten eine einheimische goldene Froschgattung. Der Geschäftsmann Edgardo sammelte die einheimischen Frösche und pflegte sie, sodass sie doch nicht ausstarben. Um die Veranda herum sind dementsprechend kleine Froschfiguren in verschiedenen Größen aufgestellt. Einige davon sind sehr klebrig, andere fühlen sich rau an. Fast alle haben breite aufgerissene Mäuler. Auf der Veranda befindet sich außerdem ein weißer Schaukelstuhl, auf dem es sich vorzüglich sitzen lässt. Daneben entdecke ich Einen Schutzanzug, der wohl den Geschäftsmann darstellen soll. Er hängt an einem Kleiderhaken und hat zwar Handschuhe, aber keine Füße. Mit dem Schutzhelm aus Plastik auf dem Kopf erinnert er mich sehr an einen Power Ranger. Unweit davon finde ich einen Aschenbecher mit einer Zigarette und ein Whiskeyglas mit Eiswürfeln aus Plastik. Ein Power Ranger braucht eben auch seine Siesta.

ZOOM Screenshot: Lavinia fühlt den orangenen Schutzanzug an der Halsgegend und schaut in die Kamera. Sie steht auf der Veranda und der Anzug mit dem weißen Helm hängt an der Veranda-Wand.
ZOOM Screenshot: Lavinia fühlt den orangenen Schutzanzug.

Langsam geht die Tastführung ihrem Ende zu

Immer wieder regt Eva, die den Chat moderiert, die ZuschauerInnen zum Fragestellen an. Die einzigen Wortmeldungen kommen jedoch am Anfang in Form von Fragen an Michaela und am Ende als Dankeschön für die Tastführung. Leider erfahren wir am Ende, dass der „Domino-Effekt“ wahrscheinlich nicht als Stück mit Audiodeskription geplant ist. Schade, Theater, Audiodeskription und parallel noch eine Tastführung verspräche Spiel, Spaß und Überraschung und das nicht nur für Kinder. Allerdings kündigt Justus ein anderes Stück an, das in jedem Fall gespielt wird: „Pythonparfum und Pralinen aus Pirgendwo“ . Wie ihr euch dafür anmelden könnt, erfahrt ihr rechtzeitig in unserem Spielplan.

Digitaler Theaterclub im Rahmen der Woche des Sehens

Diese Woche – am 14. Oktober um 18:00 Uhr – erwartet euch noch eine Veranstaltung von uns im Rahmen der Woche des Sehens. Wir haben einen besonderen vierten Theaterclub für euch geplant. Es geht um Oper, um Audiodeskription (offen und geschlossen) sowie um die Frage „Wie kann uns das allen etwas nützen?“ Anmeldungen an presse@theaterhoeren-berlin.de werden gerne von unserer PR—Zuständigen Eva entgegengenommen.

Diese Woche – am 14. Oktober um 18:00 Uhr – erwartet euch noch eine Veranstaltung von uns im Rahmen der Woche des Sehens. Wir haben einen besonderen vierten Theaterclub für euch geplant. Es geht um Oper, um Audiodeskription (offen und geschlossen) sowie um die Frage „Wie kann uns das allen etwas nützen?“ Anmeldungen an presse@theaterhoeren-berlin.de werden gerne von unserer PR—Zuständigen Eva entgegengenommen.