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Die Sophiensäle experimentieren mit Audiodeskription und Gebärdensprache

Posted in Theaterrezension

Die Sophiensäle Berlin experimentieren mit Audiodeskription, Gebärdensprache und ZOOM ohne Grenzen
„Ohne Grenzen“ heißt das Motto am 16. Juni 2020 in den Sophiensälen. Zum ersten Mal seit sich das Theaterangebot aufs Internet verlagert hat, sind die Sophiensäle auch wieder dabei. Diesmal mit einem besonderen Experiment. In der Remote-Performance „No Limit“ stellen sie Menschen mit Behinderung als Norm dar. Nicht-behinderte Menschen sind in der Minderzahl und werden als Kuriosität betrachtet. Dabei stellen sie in Frage, was Inklusion eigentlich ist und fordern uns heraus, darüber nachzudenken, wie wir zu ihr stehen.
Um 20:00 Uhr geht es los. Fünf Personen sind an der Performance beteiligt – die drei PerformerInnen Angela Alves , Athina Lange und Gal Naor, Christoph Rothmeier (Musik) und Simone Detig (Audiodeskriptorin). Zu Beginn stellen sich alle vor und beschreiben ihr Aussehen und Kostüm. Dann geht es los mit der Show „No Limit“. Athina ist die Show-Masterin. Angela ist wegen ihrer Nicht-Behinderung als Gast geladen. Sie erzählt, wie es ist, mit einer Nicht-Behinderung unter lauter Behinderten umzugehen. Anschließend wird ein Clip gezeigt, in dem Angela von ihrer Kindheit und ihrem Alltag erzählt. So musste sie beispielsweise auf eine Sonderschule für Menschen mit Lernstärken gehen. Nach dem Clip wird der Bildschirm in vier Teile geteilt, sodass man mal alle fünf Personen sieht, mal zwei und mal nur einen. An dieser Stelle ist leider meine Verbindung öfter abgebrochen, sodass ich von den letzten 10 Minuten nur Bruchstücke mitbekomme.

Das Publikum wird über ZOOM einbezogen

Ich freue mich auf „No Limit“ als Live-Experiment. Endlich wieder ein Theaterstück, wenn schon nicht im Theater, so doch zumindest live übers Internet. Wegen der leichteren Bedienbarkeit entscheide ich mich für das Smartphone. Über ZOOM kann ich die Performance live mitverfolgen und werde sogar einbezogen. Besonders gut gefällt mir, dass sich die PerformerINnen zu Beginn so viel Zeit nehmen, um sich vorzustellen. Dadurch habe ich das Gefühl, eine Verbindung zu ihnen aufzubauen. Das ist etwas, das im Theater normalerweise fehlt. Wenn die DarstellerINnen bei der Tastführung überhaupt Zeit haben, sich vorzustellen, wird klar, dass sie die Zeit von ihrer Vorbereitung abzwacken. Hier ist die Vorstellung ins Stück integriert.
Das Publikum wird während der Performance einbezogen. Bei mehreren Umfragen haben wir die Möglichkeit, unsere Meinung zu Behinderung und Inklusion abzugeben. Und das sind sehr interessante Fragen, die zum Denken anregen wie z.B. „Was ist Gebärdensprache?“ mit Antwortmöglichkeiten wie „Eine Zeichensprache, derer sich Gehörlose bedienen“ oder „Eine eigenständige Sprache mit eigenen Regeln“.
Experimentell war auch die Umkehrung der Verhältnisse. Hier waren es mal die Behinderten, die in der Überzahl waren und die Nicht-Behinderten, die sich anpassen müssen. Diese Umkehrung wirft interessante Fragen auf: Wozu führt eigentlich die Anpassung von Minderheiten an eine Überzahl? In diesem Fall führt sie zu gesundheitlichen Problemen, Schlafverlust und Ausgrenzung. Normalerweise sind es die Behinderten, die sich an die Bedürfnisse der sogenannten „Normalen“ anpassen müssen und dadurch den Kürzeren ziehen. Nicht so bei „No Limit“.

Ich bin enttäuscht, dass nicht mehr Stille herrscht

Die Soundqualität hat mich beeindruckt. Ich jedenfalls habe die Audiodeskription meistens gut verstanden. Zu kritisieren habe ich nur zwei Dinge:
Erstens: Es ist offensichtlich, dass „No Limit“ hauptsächlich für ZuschauerInnen mit Hörbeeinträchtigung ausgerichtet ist und dass die Audiodeskription sich nicht so nahtlos einfügt wie die Gebärdensprache. Während der Umfrage sagt Angela, dass das blinde Publikum sich einfach auf den Screenreader konzentrieren kann. Leider ist das gar nicht so einfach. Zum einen spricht sie weiter und zum anderen läuft im Hintergrund Musik. Dabei auch noch den Screenreader zu verstehen ist mir kaum möglich. Die Ergebnisse der einzelnen Umfragen liest Angela andererseits nicht vor. Ich erfahre also nicht, wer für was gestimmt hat.
Zweitens: Immer, wenn Athina als Show-Masterin spricht, übersteuert ihre Stimme. Das ist für mich so unerträglich laut, dass ich meine Kopfhörer abnehmen muss. Ironischerweise verstehe ich sie dann fast besser. Beides könnte man mit einem Soundcheck und etwas weniger Musik verbessern. Auch ZOOM könnte sich hier verbessern, indem zum Beispiel alles andere leiser wird, wenn der Screenreader spricht.

„No Limit“ integriert zu viel

Die Audiodeskription ist klar und deutlich und in den meisten Fällen gut ins Stück integriert. Leider versucht „No Limit“ zu viele barrierefreie Elemente einzubeziehen: Gebärdensprache, Audiodeskription, Screenreader… Einer muss dabei den Kürzeren ziehen und in diesem Fall ist das leider der Screenreader. Die Beschreibung der Performance wechselt immer wieder zwischen Screenreader und Audiodeskription. Das heißt leider, immer wenn ich etwas mit dem Screenreader lesen muss, verstehe ich nichts, weil im Hintergrund die Musik weiterdudelt. Obwohl das natürlich eine kreative Idee ist, scheitert die Umsetzung. Für mich als blinde Nutzerin ist der Wechsel eher nervig als spannend.
Im letzten Teil sind es wieder 4 Bildschirme und die 3 Performer*innen machen eine Art Tanz, angelehnt an Gesten der Gebärdensprache, die aber meiner Meinung nach vorher schon hätten beschrieben und benannt werden können. Von diesen letzten zehn Minuten bekomme ich kaum etwas mit. Das liegt aber nicht an der Audiodeskription, sondern an meiner Internetverbindung. Nach dem Clip von Angela, bricht meine Internetverbindung leider alle zwei Minuten für mehrerer Sekunden ab. Die letzten fünf Minuten verpasse ich fast vollständig. Das Einzige, was ich mitbekomme, ist Athina, die mit Konfetti wirft und zuletzt die Beschreibung, dass alle ihre Hände schnell von einer Seite zur anderen drehen. Da frage ich mich, ob das Winken darstellen sollte.

Ich gehe etwas frustriert aus der Performance hervor

Alles in allem muss ich sagen, dass „No Limit“ zwar ein spannendes Experiment ist, aber für mich in der Durchführung noch Lücken offenlässt. Zudem ist der eigentliche Show-Anteil relativ kurz. Der hätte ruhig noch länger sein können. Den letzten Teil verstehe ich wegen der bereits erwähnten schlechten Verbindung gar nicht. Ich gehe etwas frustriert aus der Performance hervor. Das heißt aber nicht, dass ich das Format ganz und gar schlecht finde. Im Gegenteil, alles von der Umkehrung der Verhältnisse über die Integration von Audiodeskription und Gebärdensprache bis hin zur Beteiligung der ZuschauerInnen gefällt mir gut. Bei der Umsetzung sind einige Schwierigkeiten aufgetreten, aber ich hoffe, es wird weitere Gelegenheiten für Experimente dieser Art geben.

Am 28. Juni 2020 findet der letzte Theaterclub in dieser Spielzeit statt. Imke, Ursula und ich wollen mit euch über die vergangene Spielzeit sprechen, zusammenfassen, was gut und was weniger gut war und was wir uns für die Zukunft wünschen. Eure Beiträge, Kommentare, Wünsche und Hoffnungen sind dabei gefragt. Gebt also wie immer gerne euren Senf dazu.

Anmeldung zum Theaterclub am 28. Juni 2020 per Mail an presse@theaterhoeren-berlin.de