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7 Kriterien für Audiodeskription als Livestreams

Posted in Die besten Listen

Vor einigen Monaten habe ich bereits einmal über 7 Voraussetzungen für eine perfekte Audiodeskription
geschrieben. Das war im April, als uns der Lockdown gerade so richtig im Klammergriff hielt. Obwohl die Berliner Bühnen inzwischen teilweise wieder öffnen, gibt es gute Argumente, auch ein digitales Programm weiteranzubieten. Dazu zählen die lokale und zeitliche Ungebundenheit digitaler Angebote, die Reichweite dieses Mediums und das riesige Angebot an Theaterstücken. Mehrmals haben wir im Theaterclub darüber diskutiert, wie unvergleichlich das „richtige“ Theatererlebnis ist. Auf keinen Fall möchten wir auf die bequemen Plätze, die Aufregung vor Beginn des Stückes oder das gemeinschaftliche Kulturerlebnis verzichten. Das Beste wäre eine gute Mischung von beiden Medien. Dazu ist es aber auch unabdingbar, dass auf die Qualität der Audiodeskription auch im Netz geachtet wird. Ich habe hier sieben Merkmale einer Audiodeskription im digitalen Raum zusammengestellt.

1. Audiodeskriptorin mit einer angenehmen Stimme

Besonders für Blinde und Sehbehinderte, die wenige bis gar keine visuellen Eindrücke auf der Bühne wahrnehmen, steht die Stimme der SprecherInnen im Vordergrund. An dieser Stelle gibt es keinen Unterschied zwischen Audiodeskriptionen für Live-Theaterstücke, Livestreams und Kinofilmen. Die beschreibende Person sollte eine angenehme Stimme haben, die mich weder an Louis Armstrong noch an Mickymaus erinnert. Auch Dialekte, so schön sie auch sein mögen, lenken die Konzentration zu sehr auf die AudiodeskriptorInnen. Die einzige Ausnahme wäre, wenn es in die Inszenierung passt. Generell bin ich der Meinung, dass Audiodeskription eine Kunstform ist und künstlerische Freiheit erlaubt sein sollte, aber letztendlich ist es die Aufgabe der BeschreiberInnen, das Bühnengeschehen verständlich zu machen und nicht davon abzulenken.

2. Menschlichkeit und Präsenz

Der größte Unterschied zwischen Livestreams und Live-Theaterstücken ist gleichzeitig das, was beide Wörter gemeinsam haben: die ersten vier Buchstaben. Viele Livestreams, die ich in den letzten fünf Monaten erlebt habe, erinnerten mich eher an Fernsehen als an Theater. In vielen Fällen trug die Audiodeskription dazu bei, denn die Beschreibungen waren oft trocken und unpersönlich eingesprochen. Zwei gute Beispiele waren jedoch auch dabei: „Jenufa“ aus der Deutschen Oper und „No Limit“ aus den Sophiensälen. Die Oper „Jenufa“ wurde von Anke Nicolai und Nadja Schulz-Berlinghoff gemeinsam gesprochen. Dadurch konnte die Audiodeskription neben der reinen Beschreibung auch schauspielerische Elemente aufnehmen. Die Oper klang dadurch viel lebhafter. „No Limit“ auf der anderen Seite überzeugte mich eher, weil das Stück und damit auch die Audiodeskription live über ZOOM geschaltet wurde. Dadurch hatte ich das so schmerzlich vermisste Gemeinschaftsgefühl, das mir sonst nur das Theater bieten kann.

3. Gutes Timing

Audiodeskription ist eine Sache des Timings. Da ist es egal, ob vor Ort oder aufgenommen. Die AudiodeskriptorInnen müssen versuchen, in die Sprechpausen hineinzubeschreiben. Die große Herausforderung besteht darin, dass Theater auf Dialoge setzt. In manchen Stücken wie „Peer Gynt“ wird an den entscheidenden Stellen so viel gesprochen, dass die Beschreibung teilweise parallel zum Bühnentext erfolgt. In der Oper ist es sogar notwendig, über den Gesang zu sprechen, um das Stück zu übersetzen. In beiden Fällen wünsche ich mir trotzdem, dass die Beschreibung zurückhaltend vorgeht und mir genügend Zeit lässt, um den Gesang bzw. das Gesagte zu verstehen. Ansonsten bekomme ich nur die Beschreibung mit und so gar nichts vom Stück.

4. Aufnahmequalität des Stücks und der Audiodeskription

Ebenso wie der Empfang der Audiodeskription im Theater gewährleistet sein sollte, muss die Aufnahmequalität eines Livestreams einwandfrei sein. Ich habe einige sehr gute Beispiele gehört, bei denen Aufnahme und Audiodeskription perfekt waren. Ganz vorne waren „Bella Figura“ und „Hamlet“. Tatsächlich war „Bella Figura“ so gut aufgenommen, dass ich mir fast wie in einem Kinofilm vorkam. In der Hinsicht war die Qualität fast schon zu gut. Ich habe aber auch einige Livestreams erlebt, die mich auf eine akustische Probe gestellt haben. Allen voran „Peer Gynt“ des Schauspiel Leipzig. Hier habe ich von dem eigentlichen Stück so wenig verstanden, dass ich mich fast ausschließlich auf die Beschreibung verlassen musste. Die war zwar im Gegensatz dazu sehr gut verständlich, aber gerettet hat das das Stück für mich leider nicht. Mein Fazit hier: Die Aufnahmequalität sollte so gut sein, dass es keinen Unterschied zwischen Audiodeskription und Livestream gibt, aber auch noch die Atmosphäre des Theatersaals einfangen.

5. Bildhafte Sprache

Ein Wort kann so viel ausdrücken. Ein Wort kann die ZuschauerInnen eintauchen und Bilder entstehen lassen. Ein Wort kann aber auch Fragen aufwerfen. Die hohe Kunst der Audiodeskription ist die Beschreibung eines Geschehens in so wenigen und verständlichen Worten wie möglich. Was hinterlässt eurer Meinung nach das deutlichere Bild? „Sie bewegt ihre Arme hoch und runter“ oder „Sie rudert mit den Armen“? Die zweite Version hinterlässt bei mir ein viel klareres Bild. Gerade bei Tanz-Performances gibt es viele Bewegungen die eindeutig beschrieben werden müssen. Hier haben Livestreams sogar einen Vorteil, denn die AudiodeskriptorInnen haben Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, was sie sagen wollen. In den meisten Performances müssen die AudiodeskriptorInnen nahezu ohne Probe beschreiben. Das erschwert natürlich die Kreativität. Ein großer Wortschatz ist hier von Vorteil.

6. Länge

Im Gegensatz zu Live-Stücken im Theater ist es anstrengend, einen Livestream über Stunden vor dem Computer zu sehen. Die meisten Stücke sind zwei Stunden und länger. Jenufa ist sogar drei Stunden lang. Was in der Oper oder im Theater durch die Atmosphäre, Pausen und das Gemeinschaftsgefühl wettgemacht wird, ist zu Hause leider nicht gegeben. Meistens sitze ich alleine vor dem Computer und da können sich zwei bis drei Stunden schon mal in die Länge ziehen. Eine Lösung könnte sein, dass die Theater ihre Livestreams in zwei Teilen hochladen, sodass man eine Pause genau dort hat, wo im Theater auch eine Pause wäre. So hat es zum Beispiel das Musiktheater im Revier mit „Die Perlenfischer“ gemacht. Die Oper wurde in zwei Teilen bereitgestellt.

7. Wille zu Experimenten

Was mir bei Livestreams wirklich fehlt, ist die Tastführung. In einem Raum zu sein, Kulissen und Requisiten zu betasten, Düfte einzuatmen und Stoffe zu fühlen, kann für mich keine noch so gute Beschreibung ersetzen. Besonders abstrakte Bühnenbilder wie der Kubus auf Schienen im Stück „Metropolis“ oder der Schaum bei „Peer Gynt“ kann ich mir durch die rein akustische Beschreibung schwieriger vorstellen, als wenn ich sie in der Hand gehabt hätte. Hier wäre ein Wille für Experimente von Vorteil. „No Limit“ begann zum Beispiel mit einer akustischen Tastführung. Die PerformerInnen und die Audiodeskriptorin beschrieben sich jeweils selbst. Das Bühnenbild war weniger wichtig als die Personen. Fünf Personen bedeutet fünf Beschreibungen und fünf unterschiedliche Stimmen. Dadurch hatte ich bereits vor Beginn des Stückes eine Vorstellung davon, wer die PerformerInnen waren, wie sie aussahen und worum es geht. Ich finde, hier könnte man noch viel mehr experimentieren. Zum Beispiel, indem man anhand von Alltagsgegenständen, die jeder zu Hause hat, eine Tastführung durchführt.

Letztendlich ist ein Theater-Livestream nicht dasselbe wie ein Live-Theaterstück und meiner Meinung nach muss er das auch nicht sein. Ich wünsche mir, dass ich ins Theater gehen kann, sobald das wieder gefahrenfrei möglich ist, aber ich wünsche mir auch, dass ich mir ein tolles Stück im Internet ansehen kann, wenn mir eher nach einem ruhigen Abend ist bzw. in einem weit entfernten Theater eine tolle Inszenierung läuft. Am meisten hoffe ich darauf, dass durch ein Parallelangebot von Livestreams und Theaterstücken vor Ort noch mehr Menschen dazu angeregt werden ins Theater zu gehen und Sehende sowie Nicht-Sehende Erfahrungen mit Audiodeskription sammeln können.