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7 Voraussetzungen für eine perfekte Audiodeskription am Theater

Posted in Die besten Listen

Was braucht eine perfekte Audiodeskription? Mehr als nur die trockene Beschreibung von Bewegungen. Soviel ist klar. Eine Audiodeskription ist Teil eines komplexen Kunstwerks und als solches ein kreativer Akt, der Aufwand sowie Können erfordert und nicht zu unterschätzen ist. Ich bin mir sicher, dass man dutzende von Kriterien für eine außergewöhnliche Audiodeskription benennen kann. Ich beschränke mich zunächst auf sieben Voraussetzungen, habe aber gerne ein offenes Ohr für weitere Vorschläge.

1. Eine Audiodeskriptorin mit einer angenehmen Stimme

Das wichtigste Element einer mitreißenden Audiodeskription ist die Stimme der AudiodeskriptorInnen. In diesem Sinne unterscheidet sich die Audiodeskription nicht sonderlich von den Sprecharbeiten von RednerInnen, ModeratorInnen, SynchronsprecherInnen, SchauspielerInnen, SängerInnen usw. Sie alle gebrauchen ihre Stimme, um das Publikum zu berühren. Es ist die Aufgabe von AudiodeskriptorInnen, das Bühnengeschehen so zu beschreiben, dass blinde und sehbehinderte Menschen der Handlung folgen und im Nachhinein über das Erlebnis sprechen können. Die Stimme sollte dabei in einer angenehmen Tonlage sein, nicht zu hell und piepsig, aber auch nicht zu tief und dunkel, sondern genau dazwischen.

2. Menschlichkeit und Präsenz

Audiodeskription im Theater unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von der Beschreibung von Kinofilmen: Alles wird live eingesprochen. Dementsprechend erwartet das Theaterpublikum eine größere Einbeziehung in das Stück als in einem Film, denn alles von der Interaktion der SchauspielerInnen bis hin zum Öffnen und Schließen der Vorhänge passiert genau in diesem Augenblick. Das Publikum ist hautnah dabei. Das Schauspielteam ist präsent und erscheint zumindest greifbar. Das müssen die AudiodeskriptorInnen auch sein. Eine trockene monotone Performance ebenso wie eine gehetzte aufgeregte sind nicht sehr angenehm zu hören. AudiodeskriptorInnen sollten sich stattdessen an das Stück anpassen. Wenn etwas schnell gespielt wird, kann das die Stimme auch reflektieren. Wenn eine Szene hingegen eher still und melancholisch ist, kann die Audiodeskription auch gemessener sein. Kleine Versprecher oder ein Lachen an der richtigen Stelle machen den Menschen hinter der Stimme nahbarer. Natürlich ist Audiodeskription nicht das Gleiche wie Schauspielerei. Gefühlsausbrüche wären absolut fehl am Platze. Menschlichkeit auf der anderen Seite geht immer.

3. Gutes Timing

Besonders bei witzigen Szenen ist das richtige Timing besonders wichtig. Es stört mich weniger, wenn ich ein bisschen vorher lache, als wenn der ganze Saal in schallendes Gelächter ausbricht und ich mich frage, was jetzt so lustig gewesen ist. Im Theater besteht die spezielle Herausforderung des Timings darin, dass das Stück nie so punktgenau gespielt wird wie ein Kinofilm. Die AudiodeskriptorInnen müssen mehrere Stunden lang aufmerksam sein, um die Worte an der richtigen Stelle zu platzieren und die Sprechpausen abzupassen. Je mehr SchauspielerInnen auf der Bühne sind und je lauter und schneller gespielt wird desto schwieriger ist die Aufgabe der AudiodeskriptorInnen. Eine Live-Beschreibung wird wohl in Bezug auf das Timing nie so perfekt sein wie eine Kinodeskription. Die AudiodeskriptorInnen müssen bewerten, ob in einem bestimmten Fall die Bewegungen wichtiger sind als das gesprochene Wort. Ziel ist es schließlich, den blinden und sehbehinderten BesucherInnen die gleiche Erfahrung zuteilwerden zu lassen wie dem sehenden Publikum.

4. Auch mal vom Blatt aufschauen

Um so punktgenau wie möglich beschreiben zu können, ist es wichtig, dass die AudiodeskriptorInnen gleichzeitig ein Auge auf das Bühnengeschehen und ihren Text haben. Nicht nur müssen sie wissen, wann welche Beschreibung dran ist, sie müssen auch auf kleine Änderungen gefasst sein. Als Anke Nicolai die VIVID Grand Show im Friedrichstadt-Palast beschreibt, klingt das etwa so:
„Auf der Bühne tanzen vier Schlangenmenschen … Ach nein, heute sind es nur zwei.“
Besonders Szenen, die jeden Abend etwas anders sind, weil sie zum Beispiel akrobatische Einlagen oder Improvisation erfordern, muss die Audiodeskriptorin ohne Text beschreiben. Eine gewisse Flexibilität ist also Grundvoraussetzung für eine außerordentliche Audiodeskription.

5. Bildhafte Sprache

Ich habe schon oft gehört, dass Interpretationen bei Audiodeskriptionen tabu sind. Dem kann ich insofern zustimmen, dass ich bei einem Stück gerne die Freiheit hätte, bestimmte Bewegungen und Dialoge selbst zu interpretieren. Die Audiodeskriptorin ist nicht dafür da, mir zu sagen, was das Stück bedeutet. Sie ist aber sehr wohl dazu da, mir die Interpretation so leicht wie möglich zu machen.
Als ich mir den Film „Astrid“ unter der Regie von Pernille Fischer Christensen über das Leben von Astrid Lindgren im Freiluftkino Rehberge anschaue, wird Astrids Tanz ungefähr in folgenden Worten beschrieben: „Sie wirft ihre Arme nach hinten. Sie wirft ihre Beine hoch. Ihre Haare fliegen um ihr Gesicht.“
Alle Ränge lachen und ich kann mir nur vorstellen, dass es gesehen wohl lustiger aussehen muss als gehört. Dieses Problem taucht bei vielen Audiodeskriptionen auf, die einen hohen Improvisations- oder Tanzanteil beinhalten. Damit die Beschreibung nicht wie ein Fußballkommentar klingt, muss auf eine bildhafte Sprache zurückgegriffen werden. Die genauen Bewegungen der SchauspielerInnen sind weniger wichtig für das Verständnis des Stückes als die Wirkung auf den Sehenden. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob jemand von rechts nach links geht oder ob er erhobenen Hauptes schreitet. Ein Wort kann Bilder entstehen lassen. Zum Beispiel erinnere ich mich noch heute, dass Anke Nicolai Reyes durch die Luft kreisende Arme als „rudernd“ zusammenfasst und Charlotte Miggel Sancho Panzas Bauch als „Plauze“ betitelt. Adjektive und bildhafte Sprache sind nicht das Gleiche wie eine Interpretation und sollten deshalb als sprachliche Mittel unbedingt verwendet werden.

6. Eine Tastführung für die räumliche Vorstellung

Ich habe es schon oft gesagt, aber ich sage es gerne noch mal: Eine Tastführung ist für die Audiodeskription unbezahlbar. Die Audiodeskription kann die Bühne und das Aussehen der SchauspielerInnen beschreiben, aber viel wertvoller ist es, wenn man Kostüme und Requisiten einmal selbst in der Hand gehabt hat und durch eine Bühnenbegehung einen Eindruck von den Ausmaßen der Spielfläche bekommen hat. Besonders bei Impros und Tanztheaterstücken ist es auch immer hilfreich, mit den SchauspielerInnen gesprochen und einige Bewegungen nachvollzogen zu haben. Das erleichtert die Aufgabe der AudiodeskriptorInnen ungemein, obwohl es natürlich mehr Aufwand für die Theater bedeutet. In meinem Blogpost 5 Voraussetzungen für erfolgreiche Tastführungen erfahrt ihr mehr darüber, was eine erfolgreiche Tastführung auszeichnet.

7. Gute Technik und Empfang

Letztendlich geht ohne guten Empfang gar nichts. Ich hatte einmal das Pech, dass die Audiodeskription still blieb, weil mein Empfangsgerät in der Reihe, in der ich saß, keinen Empfang hat. Im schlimmsten Fall ruiniert eine solche Panne das ganze Stück. Deshalb ist ein Technikcheck vor der Aufführung dringend notwendig und die AudiodeskriptorInnen sollten sichergehen, dass alle sie gut hören können. Zu leise Beschreibungen sind ebenfalls problematisch. Niemand drückt sich gerne stundenlang einen Kopfhörer ans Ohr. Der „Berliner Spielplan Audiodeskription“ benutzt Ein-Ohr-Kopfhörer aus hygienischen Gründen und um das gleichzeitige Erleben von Stück und Beschreibung zu gewährleisten. Wem diese zu unbequem sind, kann seine eigenen Kopfhörer mitbringen. Allerdings eignen sich Noise-Cancellation-Kopfhörer nicht, da sie das Bühnengeschehen verschlucken.

Habe ich eine wichtige Voraussetzung für eine perfekte audiodeskription vergessen? Dann lasst es mich gerne wissen. Die Theater sind aufgrund des Coronavirus mindestens bis zum 19. April 2020 geschlossen. Aber sobald der Theaterbetrieb wieder aufgenommen werden kann, sehen und hören wir uns in eurem Theater.