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Ticket für schlechte Barrierefreiheit im Netz

Posted in Barrierefreiheit im Theater

Wer als Blinder durchs Internet scrollt, bekommt über seine Sprachausgabe bzw. seinen Screenreader viele Details vorgelesen. Leider sind das oft auch solche Details, die mehr verwirren als offenbaren. Das macht das Bestellen von Artikeln und das Buchen von Veranstaltungstickets zur unüberwindlichen Herausforderung. In einem früheren Beitrag bin ich schon einmal auf Barrierefreiheit im Netz eingegangen. Diesmal möchte ich darüber sprechen, wie schlechte Barrierefreiheit im Kulturbereich konkret aussieht und welche Lösungsansätze es gibt.

Schnell und einfach? Vielleicht für Sehende!

Die Plattform „Berlin-Bühnen“ sammelt Theatervorstellungen aus ganz Berlin und ermöglicht es mithilfe eines Filters und Kalenders dadurch, schnell und einfach eine Veranstaltung zu finden und zu suchen. Schnell und einfach? Vielleicht für Sehende! Mit einem Screenreader auf dieser Seite die passende Veranstaltung zu finden und dann das richtige Ticket zu bestellen, ist gar nicht so einfach. Zuerst muss ich im Kalender ein Datum auswählen. Leider wird der Kalender mir ungefähr so wiedergegeben: “Do, Leerzeile, 26, Leerzeile, Fr, Leerzeile, 27….“ Sobald ich eines davon mit der Entertaste aktiviere, springt meine Sprachausgabe zu einem Bild und liest zehnmal hintereinander: „Image map Link Spielplan Image mapLink Spielplan Image map“. Hätte ich ihn nicht gestoppt, würde sie wahrscheinlich heute noch reden.
Wenigstens kann ich mit dem Buchstaben „H“ zur nächsten Überschrift springen, in dem Fall „Überschrift Ebene 2: Im Labyrinth der Bücher“. Ich gehe dann mit den Pfeiltasten weiter, während mir der Screenreader Zeile um Zeile vorliest, darunter viele Informationen über das Stück, die ich nicht brauche. Ich muss lange nach dem Ticket suchen, bevor ich den Link endlich über der Veranstaltungsüberschrift finde. Anscheinend stehen einige Infos zum Stück über der Überschrift und einige darunter. Und so hört sich das dann an:

„Do klickbar, 26. November, Kinder und Jugend klickbar, 16:00 klickbar, Link, Login zu meine Favoriten, Link, Link, Tickets, Grafik Im Labyrinth der Bücher, Foto, Friedrichstadt-Palast Berlin klickbar, Überschrift Ebene 2 Im Labyrinth der Bücher, keine Jung Show in der kommenden Spielzeit, abgesagt“

Zuerst kommt das Datum der Veranstaltung, die Uhrzeit, das Foto und die Tickets über der Überschrift. Unter der Überschrift steht nur, dass die Veranstaltung abgesagt ist. Wenn ich als Blinde von Überschrift zu Überschrift springe, erwarte ich alle wichtigen Details darunter zu finden und nicht irgendwo darüber.

Darum verzichten Blinde und Sehbehinderte auf kulturelle Veranstaltungen

Den Ticketlink zu finden, ist auch eine kleine Herausforderung, denn statt eines klaren Links sagt der Screenreader: „Link, Link, Ticket“. Es gibt also drei Möglichkeiten. „Ticket“ lässt sich nicht aktivieren und auch bei dem ersten Link darüber habe ich kein Glück. Erst der zweite Link bringt mich auf die Ticketseite des Veranstalters. Dort muss ich durch eine völlig neue Seitenstruktur navigieren, um letztendlich doch nur herauszufinden, dass ich eine E-Mail schreiben oder anrufen soll, um ein Ticket zu bestellen. Verstrichene Zeit: 30 Minuten.
Weil Webseiten-Betreiber mehr Wert auf das Äußerliche als auf Nutzbarkeit und Barrierefreiheit legen, muss ich mir als Blinde praktisch jede Seite neu erarbeiten. Dabei geht eine Menge Lebenszeit verloren und in den meisten Fällen verzichte ich und mit mir viele andere Blinde und Sehbehinderte dann eher auf die Veranstaltung.

Kulturarbeiter im Inklusionsbereich treffen auf ProgrammiererInnen

Um den anhaltenden Barrieren im Netz entgegenzuwirken, veranstaltet der Verein Handiclapped e.V. vom 27. bis zum 29. November 2020 einen Hackathon. Hier treffen sich Aktivisten und Kulturarbeiter im Inklusionsbereich mit ProgrammiererInnen. Gemeinsam erstellen sie in 48 Stunden Konzepte und Prototypen, die behinderten Menschen die Teilnahme an Kulturveranstaltungen erlauben sollen.
Am ersten Tag formen sich die Gruppen. Obwohl es zunächst so aussieht, als gäbe es ein Überangebot an MentorInnen im Vergleich zu ProgrammiererInnen, können die einzelnen Gruppen am Sonntag vier mehr oder weniger fertige Prototypen vorstellen. Darunter ist ein Ticket-Werkzeug, mit dem behinderte Menschen ein Profil mit ihren Bedarfen erstellen können. Dabei füllen die NutzerInnen ein Formular mit Fragen zu ihrer Behinderung aus. Es entsteht ein Profil mit Bedarfen, die sie beim Ticketkauf mitsenden können. Eine fantastische Idee, denn oft steht wenig bis gar nichts über Behinderung beim Ticketkauf.
Den ersten Platz belegt ein Buddy-Matching-Tool für den Verein „Inklusion muss laut sein“, wodurch behinderte Menschen mit Nicht-Behinderten in Kontakt treten können, um gemeinsam eine Veranstaltung zu besuchen. Ein Tool für einfache Sprache und eine Webseite, die barrierefreie Online-Werkzeuge sammelt, wurden ebenfalls vorgestellt.

„Inklusion muss laut sein.“

Wie man sieht, gibt es viele Möglichkeiten, die kulturelle Teilhabe behinderter Menschen zu vereinfachen. Probleme treten oft bereits schon lange vor der Veranstaltung auf. Für blinde Menschen ist es schwierig, im Netz barrierefreie Veranstaltungen zu finden, den Tag auszuwählen, die nötigen Informationen zuzuordnen und Tickets zu bestellen. In der Konsequenz bleiben tausende von behinderten Menschen zu Hause oder sind auf Hilfe angewiesen, wenn Webseiten nicht barrierefrei gestaltet sind. Der Hackathon von Handiclapped zeigt jedoch, dass Lösungen in kürzester Zeit gefunden werden können. Was also fehlt, sind nicht ausschließlich barrierefreie Lösungen, sondern die Aufklärung von Menschen wie ProgrammiererInnen, die diese Lösungen umsetzen können.

Fazit: „Inklusion muss laut sein!“