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Theater als Hörspiel: „Das Weiße Rössl am Central Park“

Posted in Theaterrezension

„Die Hendl, die fetten, gibt’s net in Manhattan“

Was passiert, wenn eine österreichische Operette wie „Im Weißen Rössl“ über den großen Teich flüchtet? Im Falle Jimmy Bergs und vieler anderer deutsch-jüdischer Flüchtlinge im zweiten Weltkrieg wird sie zu einer Hommage an Heimatnostalgie und Fluchterfahrungen. „Das Weiße Rössl am Central Park“ wird im April 2019 von Johannes Müller und Philine Rinnert als Musikabend wieder aufgenommen. Aus ihren gesammelten Recherchematerialien erstellen sie eine Collage von Briefen, Gedichten, Programmheften, Tonaufnahmen und Interviews – das Ganze nun zusammengefasst als Hörspiel.

Das Hörspiel erzählt die Geschichte von Heimatlosigkeit und Sehnsucht.

Szymon Weinberg wird in der Ukraine geboren. Als Komponist schreibt er unter anderem Musik für Hans Moser. 1933 flieht er vor den Nazis von Deutschland nach Österreich und schließlich nach Amerika. Dort wird er als Jimmy Berg bekannt. Das Hörspiel zu seinem Werk greift die Geschichte deutscher Flüchtlinge auf, die im zweiten Weltkrieg nach New York kommen. Immer wieder erzählen die SchauspielerInnen vom Schicksal der Neuankömmlinge. Selbstverständlich erscheinende Dinge wie Arbeit, Wohnungen und sprachliches Verständnis erweisen sich als Herausforderung für die Neuankömmlinge. Das Hörspiel erzählt gleichzeitig die Geschichte von Heimatlosigkeit und die Sehnsucht nach der alten Heimat.
Immer wieder mischen sich musikalische Klänge aus den beiden unterschiedlichen Welten. Zum einen hören wir Ausschnitte aus dem „Weißen Rössl“ von Jimmy Berg:

„Es muss was Wunderbares sein, ein Inserat zu kriegen.“

Dann übertönt Jazzmusik die nostalgischen Klänge von Jodeln und Kuhglocken. Die alte Heimat erscheint fremd und unnahbar. Alte knackende Tonaufnahmen unterstreichen die nostalgische Stimmung.

Kein Theater im klassischen Sinne

Persönlich genieße ich diese Inszenierung eines Musikabends als Hörspiel. Ich muss mir keine Gedanken darüber machen, ob die Beschreibungen ausreichen, ob zu viel, zu wenig oder gar nichts gesagt wird, denn diese Bearbeitung ist nicht ausschließlich für Menschen mit Seheinschränkung produziert worden. Sie ist als Hörspiel für jederfrau und jedermann verständlich. Die Theaterkulisse aus Holz, Draht und bemalter Pappe wird zu Beginn zwar beschrieben, aber letztendlich spielt es für das Verständnis des Stücks keine Rolle. Wenn Briefe vorgelesen, Bilder im Programmheft beschrieben und Szenen nachgespielt werden, frage ich mich nicht, was dort zu sehen ist. Meine Aufmerksamkeit liegt nicht auf dem Visuellen, sondern auf den verschiedenen Medien, die da zu einer Collage zusammengeführt werden. Dieses Gefühl, auf dem gleichen Stand zu sein wie alle anderen, die dieses Hörspiel hören, macht es für mich besonders. Es ist keine Theaterinszenierung im klassischen Sinne, aber eine wunderbare Alternative zu Aufnahmen von Theaterstücken.

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