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„Endangered Species“ oder wie gehen wir mit Minderheiten um?

Posted in Allgemein

Was haben gefährdete Tierarten und die Unterdrückung von Geschlechteridentitäten gemeinsam? Diese Frage stellt sich das Drag-Kollektiv House of Living Colors am 18. Januar 2020 in den Sophiensälen. Das Kollektiv besteht aus queeren und trans People of Color (QTBIPoC). In der Performance „Endangered Species“ stellen sie die Relevanz der Artenvielfalt für die Natur vor und reflektieren über ihre eigenen Erfahrungen als QTBIPoC. Anhand von Erzählungen, Live-Musik und Voguing (ein Tanzstil aus der Homosexuellenszene der 1980er) veranschaulichen sie, wie bedeutsam ihr Überleben für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft ist.

Collaboration and Home

Das Bühnenbild besteht aus einem Technikpult, drei Leinwänden und einem Podest. Der weiße Tanzboden ist leer. Viel sehenswerter sind die sieben PerformerInnen selbst. Um die Verbindung zwischen QTBIPoC und gefährdeten Tierarten zu verdeutlichen, tragen sie ein Kostüm, das sowohl körperbetont ist als auch jeweils eine Tierart darstellt. Vertreten sind unter anderem der afrikanische Löwe, der Tiger, der Koalabär, der Eisbär und der Polarfuchs. Ihr Kostüm besteht aus einer Art braunem Latexanzug oder -bikini, um den ein Geschirr aus Lederriemen gewickelt ist. Darüber hinaus tragen die PerformerInnen eine Maske, die mit Blättern, Moos, Papier und Plastik geschmückt ist.
Bei jeder Performance spielt der Ausdruck durch Bewegung eine große Rolle. Während der Tastführung führt das Performerteam einige wichtige Bewegungen vor. Dazu nehme ich die Hände einer PerformerIn in meine. Die erste Bewegung heißt „Collaboration“. Sie soll den Zusammenhalt und das Kollektive symbolisieren, erklärt die PerformerIn. Es ist eine wellenartige Bewegung, bei der die Hände immer wieder zusammen und auseinandergehen. Die zweite Bewegung heißt „Home“. Zuerst legt man beide Hände auf die Brust. Dann legt man sie auf die Stirn. Beide Bewegungen werden von den PerformerInnen synchron durchgeführt. Die Audiodeskriptorin kann später auf die Bewegung verweisen. Der einzige Nachteil besteht darin, dass man in einem Stück, in dem sich sieben PerformerInnen fast ununterbrochen bewegen, niemals alle Schritte beschreiben kann.

Wie sieht ein Drag-Kollektiv eigentlich aus?

In einem früheren Blogpost bin ich einmal auf die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Tastführung eingegangen. Zu den wichtigsten zählen die Bühnenbegehung, das Ertasten der Requisiten und wenn möglich, ein Gespräch oder sogar eine kleine Vorführung der SchauspielerInnen. Alle Punkte werden in dieser Tastführung sorgsam abgearbeitet. Dennoch fehlt ein für das Verständnis der Performance nicht unerheblicher Punkt. Ich weiß, was die PerformerInnen tragen und wie sie geschminkt sind. Manche sagen sogar, dass sie aus Korea kommen oder einen dunkleren Hauttyp haben. Was ich nicht weiß, ist, inwiefern ihre Körper an sich in das QTBIPoC -Thema passen. Ich höre eine weibliche oder eine männliche Stimme, aber wichtig für das Verständnis der Performance wäre es, ob ich auch einen weiblichen Körper sehe. Wenn es sich um ein Drag-Kollektiv handelt, inwiefern spiegelt sich das im Aussehen der PerformerInnen wider? Dieses Wissen hätte im Nachhinein viel zum Verständnis des Stückes beigetragen, zumal ich nur die Masken, aber nicht die PerformerInnen abtaste.

Die Audiodeskription von „Endangered Species“

„Endangered Species“ ist ein langes und anspruchsvolles Stück. Die Performance wechselt zwischen Portugiesisch, Koreanisch und Englisch. Die AudiodeskriptorIn liest die englischen Untertitel vor und beschreibt ansonsten auf Deutsch. Wie bei den meisten Tanzstücken, bei denen mehrere Akteure gleichzeitig auf der Bühne stehen, kommt die Audiodeskriptorin oftmals nicht mit dem Beschreiben hinterher. Wie synchron die Choreografie ist, muss ich mir zum Beispiel von einer Sitznachbarin sagen lassen. Die PerformerInnen sind ständig in Bewegung. Mal rennen sie gegen den Uhrzeigersinn im Kreis und lassen sich fallen, als würden sie niedergeschossen werden oder gegen die Zeit anlaufen. Dann klettern sie auf ein Gerüst oder schieben einen Tisch mit Essen auf die Bühne. Später waschen sie die Bühne und heben Essensreste auf. Auf den Leinwänden wird mal Wasser, mal Natur, Menschen oder ein Embryo gezeigt. Die Erzählungen handeln von bedrohten Tierarten wie dem koreanischen Tiger oder den Kaninchen, die sich rundum die Berliner Mauer zu Zeiten der deutschen Teilung angesiedelt haben. Sie handeln auch von Sklaven und der diktatorischen Zeitbestimmung durch ihre Herren. Dann wieder geht es um das Entstehen neuer Geschlechteridentitäten und das Zusammenspiel von Weiblichkeit und Männlichkeit. Das Stück endet mit einem Knall, als würden die zuvor agilen Tiere plötzlich erschossen werden. Es wird still und drei Körper liegen reglos am Boden. Bestürzung breitet sich aus. Wo diskriminiert und unterdrückt wird, was divers, farbenfroh und lebendig sein sollte, herrscht Trauer und Monotonie. Ein bedrückendes Ende.

Artenvielfalt, Geschlechterdiversität und Audiodeskription

Was haben nun gefährdete Tierarten und die Unterdrückung von Geschlechteridentitäten gemeinsam? Die Symbolik von „Endangered Species“ trifft tief und regt zum Nachdenken an. Ebenso wie die Artenvielfalt von einer lebendigen fruchtbaren Umwelt zeugt, steht die Diversität von Identitäten, Kultur und Ethnizität für eine farbenfrohe und entwicklungsfreudige Gesellschaft. Dazu bedarf es Akzeptanz und Verständnis. Es bedarf auch der Aufklärung, wofür das House of Living Colors an diesem Abend sorgt. Weil ich mich als Sehbehinderte immer noch in vielerlei Hinsicht nicht als gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft fühle, finde ich diese Vorstellung umso wichtiger. Wir tragen schließlich alle zur stetigen Weiterentwicklung unserer Umwelt bei. Die Audiodeskription und die Tastführung haben mir an diesem Abend zumindest teilweise die Möglichkeit gegeben, ein Stück zu erleben, das eine grundlegende Frage aufwirft: Wie gehen wir mit Minderheiten um?

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