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Inklusion im Kollektiv

Posted in Allgemein

Gastbeitrag in Lavinias Theater Blog von Ursula Salomon, Projektmitarbeiterin im Berliner Spielplan Audiodeskription.

Am 26ten Januar führte das inklusive Theater-Kollektiv i can be your translator ihre Performance „Das Konzept bin ich“ als Gastspiel in den Sophiensälen Berlin auf. Die Produktion wurde nach der Premiere beim nordrheinwestfälischen Theater-Festival FAVORITEN 2018 mit dem Festivalpreis Ground Support ausgezeichnet und tourte bereits 2019 durch Deutschland. Auf Einladung des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen Jürgen Dusel performte die Gruppe ihre kollektive Stückentwicklung über die „Euthanasie“ im Nationalsozialismus als Auftakt der T4-Gedenkveranstaltungen.

Der absurde Euphemismus „Euthanasie“

„Euthanasie“, ist die damalige Bezeichnung für eine „gute“ Beendigung von sogenanntem lebensunwerten Leben. Heute bezeichnet man diesen unglaublichen Vorgang der geplanten und systematischen Tötung, dem mehr als 300.000 Menschen mit Behinderungen oder psychiatrischen Erkrankungen zum Opfer fielen auch als nationalsozialistische Krankenmorde.

Das „Euthanasie“-Mordprogramm wurde von einer Dienststelle der „Kanzlei des Führers“ mit mehr als 60 Mitarbeitern entwickelt. Seine Planungs- und Verwaltungszentrale befand sich ab April 1940 in der Tiergartenstraße 4. Dort wurde unter dem Decknamen Aktion T4 der Massenmord an „Patienten“ aus Heil- und Pflegeanstalten initiiert und koordiniert: blinde und taube Menschen, Epileptiker, Menschen, die versehrt waren oder unter einer geistigen Behinderung litten. Und selbst wenn sie nicht in den grauen Bussen der Aktion T4 abtransportiert und umgebracht wurden, litten sie unter sozialer Ausgrenzung und massiven Eingriffen in ihr Leben, wie Zwangssterilisierung oder Freiheitsberaubung.

Heute steht an dem ehemaligen Standort der T4-Todeszentrale, die die weiteren Gräueltaten im dritten Reich vorbereitete, die Gedenkstätte für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde.

Das Konzept ist das Wir

Diese Gedenk- und Informationsstätte haben auch i can be your translator bei der Entwicklung der Performance besucht. Die Konfrontation mit den historischen Fakten und ideologischen Rechtfertigungen und die persönlichen emotionalen Auseinandersetzung in Vorbereitung auf die Performance hat ein Jahr gedauert.

Die Gruppe aus Dortmund, die sich ursprünglich als Band zusammengefunden hat und aus Menschen mit und ohne Behinderung besteht, hat den Anspruch als Kollektiv, also möglichst hierarchiearm künstlerisch zusammenzuarbeiten. Dass kollektives Entwickeln bei verschiedenen Perspektiven eine durchaus kontroverse und anstrengende Sache sein kann, thematisieren sie auch immer wieder während der Performance. Einig ist sich das Kollektiv, dass, wie es die Performerin Linda Fisahn formulierte die Nazis „irgendwie bescheuert“ sind und die vielen damals gestorbenen Menschen eine große Traurigkeit verursachen.

„Für uns heißt Euthanasie Trauerkeit“

Wie das allerdings für die Bühne inszeniert wird, das ist Aushandlungssache, denn es gibt ja keine übergeordnete Regie im inklusiven Team der Performer*innen. Die geäußerten Ideen changieren von Spielshows mit Glitzersakkos, einem Panzer auf der Bühne, Provokation durch das Erzählen von Witzen über Menschen mit Behinderung bis bin zur Darbietung eines Liedes von Zara Leander. Und beim gemeinsamen Entwickeln haben sich dann auch einige dieser Idee durchgesetzt: So tastet sich das Kollektiv spielerisch an das Thema heran, am Anfang mit Aussortier-Spielen à la „Reise nach Jerusalem“. Später auch mit Stuhltanzspielen, die die Gemeinschaft stärken, so stehen alle sieben Performer*innen für einen Moment auf zwei Stühlen. Diese Spiele geben den lockeren Rahmen für die Auseinandersetzung mit dem ernsten Thema „Euthanasie“.

Dass die Performer*innen sich schon länger musikalisch zusammengefunden haben und das in der Stückvorbereitung mit dem Musiker Christian Fleck intensiviert haben, hört man an diesem Abend an der gelungenen Mischung aus klassischen Instrumenten und elektronischen Elementen. Ein Highlight war für mich der Gesang des Liedes „Irgendwo auf der Welt“, der gerade im Kontext des Ausgeliefertseins der „Euthanasie“-Opfer unter die Haut geht.

Die Performance lässt Raum für „Nicht-Funktionieren“. So gibt das Kollektiv besonders einem Performer die Zeit, die er braucht, um seine Aktionen durchzuführen, beispielsweise den abgesprochenen Platz auf der Bühne aufzusuchen oder die Jahreszahlen vorzulesen, anhand derer die Geschehnisse der AktionT4 für das Publikum rekonstruiert werden.

Ein Abend für ein diverses Publikum

Neben Übersetzung in Deutsche Gebärdensprache, Schriftsprache und leichte Sprache gab es – wie erfreulicherweise so oft in den Sophiensälen – auch ein Angebot für Menschen mit Sehbehinderung. Die Tastführung an der ich üblicherweise auch als sehende Zuschauerin gerne als Begleitung teilnehme, habe ich in diesem Fall leider verpasst. Es ist immer eine exklusive Gelegenheit sich vor der Aufführung an diese heranzutasten, meist lernt man die Performer*innen persönlich kennen. In diesem Fall haben die Gäste der Tastführung bestimmt die gelungenen Kostüme der Performer*innen aus der Nähe mitbekommen. Diese waren relativ alltagstauglich, jedoch in Korrespondenz mit der blauen Wand des T4-Gedenk-Monuments mit blauen Stoff-Elementen versetzt. Auch die Auseinandersetzung mit den geschichtlichen Fakten wurde ins Kostüm übersetzt, durch die plastische Einarbeitung von mit Handschrift beschriebener Dokumente in die Kleidung.

Die Audiodeskription zu „Das Konzept bin ich“ wurde in Kooperation mit mapping dance berlin durchgeführt als Teil des durch die EU und das Land Berlin geförderten Projektes Attention Dance II. Die AD verfasst und gesprochen hat die Choreographin und Performerin Mirjam Sögner. Meiner Wahrnehmung nach hat die Audiodeskriptorin die optischen Elemente der Performance gut übersetzt. Sicherlich hat sie bei der Tastführung die Performer*innen namentlich vorgestellt, denn sich acht Namen auf einmal zu merken und die Performer*innen den beschriebenen Aktionen zuzuordnen ist nichts für den ungeübten Live-AD-Gast. Da ein Performer komplett durch Projektionen und Toneinspielungen an dem Abend mitgewirkt hat, gab es diese technische Ebene, die gut beschrieben wurde. Teilweise wäre es vielleicht sinnvoll gewesen akustisch schwierig zu rezipierende undeutlich gesprochene Worte oder Textpassagen, wie die vorgelesenen Jahreszahlen, die für sehendes Publikum zusätzlich durch Projektionen zugänglich waren, in der Audiodeskription zu wiederholen.

Demokratie braucht Inklusion

Als grundlegendes Argument für die Tötung der in der NS-Ideologie unerwünschten Menschen, die nicht der ausgerufenen Norm von Gesundheit und Produktivität entsprachen, wurden wirtschaftliche Gründe angeführt. Diese „Ballast-Existenzen“ die dem Staat und damit der „Volksgemeinschaft“ nur Ressourcen und Geld kosteten und die man sich nicht leisten könne. Solche archaischen Ansichten sind heute längst überholt. Dennoch mahnt der Beauftragte für Menschen mit Behinderung Jürgen Dusel davor, Inklusion als „on-top“ wahrzunehmen: „Teilhabe ist ein grundlegendes Menschenrecht, das für uns alle gilt. Deswegen ist es wichtig, dass Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam aufwachsen, leben und voneinander lernen, damit Inklusion Normalität wird.“ Die gleichberechtige Arbeit im Kollektiv könnte ein Modell für eine wirklich inklusive Gesellschaft sein.