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Mein erstes Theaterstück mit Audiodeskription

Posted in Allgemein, and Theaterrezension

In meinem ersten Theaterstück mit Audiodeskription in den Sophiensälen im Juni 2019 fallen gleich alle Hüllen. In der Tanzperformance „Glory“ von Jeremy Wade bewegen sich zwei Tänzer (Jeremy Wade und Sindri Runudde) synchron über die karge Bühne. Mal sind ihre Bewegungen ekstatisch, ein anderes Mal schwerfällig. Dann kriechen sie wie Tiere auf dem Boden. Das Besondere: beide sind nackt und zeigen durch das Wechselspiel zwischen Ekstase und geradezu manischer Depression die Auswirkungen gesellschaftlicher Normen, insbesondere Geschlechterrollen, auf den menschlichen Körper. Seit 1996 haben sich die Sophiensäle als Spielstätte der freien darstellenden Künste etabliert. Vorstellungen mit Audiodeskription bieten sie bereits unabhängig vom Berliner Spielplan Audiodeskription an. Eine Tanzperformance wie „Glory“ wird sich wegen ihres abstrakten Charakters sowohl als herausforderung für die Audiodeskriptorin als auch für die Fantasie einer blinden Zuschauerin erweisen.

Meine erste Tastführung

Nicht nur war „Glory“ mein erstes Theaterstück mit Audiodeskription. Es war auch mein erstes Theaterstück mit Tastführung. Die Tänzer nahmen sich Zeit, uns das Stück näherzubringen. So erzählte Jeremy, wie er auf der Suche nach der Bedeutung von Ekstase Inspiration in den New Yorker Gay Clubs sammelte. Anschließend zeigten sie uns die fast vollständig leere Bühne. Es wurde klar, dass die wichtigste Kulisse die beiden Tänzer selbst waren. Zur großen Enttäuschung aller Teilnehmenden wurde aus Gründen der Bescheidenheit bei der Tastführung auf das Ablegen der Kleidung verzichtet. Doch auch das Abtasten der bedeckten Körper verschaffte uns einen guten Eindruck von den verschiedenen Posen. Das Highlight bestand aus dem sogenannten Kuss, der eigentlich keiner war. Dabei pressten die beiden die Lippen aufeinander, während Sindri Jeremy einen unverständlichen Satz in den Mund schrie.

Die Audiodeskription

Dies war meine erste Live-Audiodeskription und ich muss sagen, ich war gleichzeitig überwältigt und überfordert. Da sich Jeremy und Sindri ununterbrochen bewegten, gab es für die Audiodeskriptorin immer etwas zu berichten. An den dramatischen Stellen, zum Beispiel, wenn die beiden sich nackt übereinander hinwegrollen, musste sie schreien, um das elektronische Stampfen der Musik zu übertönen. Dadurch stieg zwar der dramatische Effekt, aber sich auf die Musik und ihre Erklärungen gleichzeitig zu konzentrieren, war an einigen Stellen schwierig. Hier erwies sich die vorangegangene Tastführung immer wieder als hilfreich, denn die Audiodeskriptorin konnte auf die gezeigten Posen verweisen und sowohl sich selbst als auch den Zuschauern eine Atempause gönnen. Das zeigte sich für mich zum Beispiel während des vermeintlichen Kusses. Hätte ich nicht gewusst, dass der eine dem anderen den immergleichen Satz in den Mund ruft, hätte ich die undeutlichen Worte für Stöhnen gehalten – ein Missverständnis, das sicherlich gewollt war. Die Spannung des Stücks wurde von den Tänzern, der Musik und Beleuchtung immer wieder aufgeladen und kollabierte, bis sie sich nur noch kriechend auf dem Boden fortbewegen konnten und in einem atemlosen „Kuss“ aneinander kleben blieben. Der ununterbrochene Redeschwall der Audiodeskriptorin ermöglichte es mir zwar, dem Geschehen einigermaßen zu folgen. Gleichzeitig sorgte er jedoch für ein anhaltendes Klingeln in den Ohren und einen leicht erhöhten Puls.

Fazit: Erstes Theaterstück mit Audiodeskription

Insgesamt entstand eine überwältigende Spannung, zu der die Audiodeskription nicht wenig beitrug, obwohl sie mich in ihrer Dynamik stellenweise an einen Fußballkommentar erinnerte. Für die Tastführung habe ich nur lobende Worte übrig. Das Ertasten von Posen und Bewegungen erleichterte die Imagination der Performance und hinterließ mich mit der festen Überzeugung, dass rein visuelle Formate wie Tanztheaterstücke nur durch das Miterleben der Bewegungen erfahren werden können. Eine bildhafte prägnante Beschreibung schadet aber auch nicht.

Der erste Podcast ist da!

Ihr wollt mehr über die ersten Schritte des Berliner Spielplan Audiodeskription erfahren? Dann gibt es ab sofort einen Podcast, der das Projekt nun auch akustisch begleitet. Die erste Ausgabe stellt das Projekt und das Team vor. Es gibt viele spannende Interviews zum Thema Audiodeskription, unter anderem mit der bekannten Audiodeskriptorin Anke Nicolai. Ich habe auch einen kurzen Auftritt. Hört doch mal rein!