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Audiodeskription als Orientierungshilfe in einer grotesken Parabel

Posted in Allgemein, and Gastbeitrag

Gastbeitrag in Lavinias Theater Blog von Ursula, Projektmitarbeiterin Berliner Spielplan Audiodeskription über „Die wahre Geschichte“ in der Jugendtheaterwerkstatt Spandau.

 „In einer fernen Stadt geht das Gerücht um, die Herrscher verschlängen bei feierlichen Banketten Kinder…“ Ob diese eine wahre Geschichte ist, wie weit weg diese  ferne Stadt wohl ist, und wie sich für alle Theaterbesucher*innen öffentlich gesprochene Audiodeskription in ein Theaterstück einfügt, das alles verschlug mich an einem schon herbstlichen Sonntag nachmittag in die Jugendtheaterwerkstatt Spandau, kurz jtw.

Das Theater im Alten Forum im Berliner Stadtteil Falkenhagener Feld arbeitet seit 1987 unter professionellen Bedingungen an Musik- Kunst- und Theaterproduktionen vorallem von und mit jungen Menschen. Seit einiger Zeit bietet das Theater mit der Idee der Schaffung eines offenen Raumes für die Entfaltung von Kreativität auch Vorstellungen mit Audiodeskription und/oder Gebärdensprache an. Das besondere: Die Audiodeskription wird für das ganze Publikum hörbar zum Stück gesprochen. Dieses erzählende Element, das auch als – Achtung Anglizismus –  „Creative Audiodeskription“ bezeichnet wird, stieß beispielsweise bei der Produktion der Metamorphosen von Ovid 2018 beim Publikum auf positive Resonanz. Ebenso bei den Schauspieler*innen, diese banden den erzählenden Audiokommentar ein und spielten mit ihm.

Zentrales Motiv Kannibalismus

Bei dem Stück „Die wahre Geschichte“ von 2019 greift das generationenübergreifende 13-köpfige Ensemble unter der Regie von Carlos Manuel mit einer grotesken Parabel die Generationenkonflikte unserer Zeit auf. Mehrere Erzählungen werden im Stück miteinander verknüpft. Das zentrale Motiv Kannibalismus ist Sinnbild für unsere Gesellschaft, die über ihre Verhältnisse und auf Kosten zukünftiger Generationen lebt: „In einer theatralen Sonderermittlung geht das Ensemble den Kannibalismusvorwürfen nach, lässt sich die Sicht vom Alkohol vernebeln, halluziniert, schöpft erneut Kraft und verstrickt sich im Konflikt der Generationen, in Vetternwirtschaft und Korruption. Eine reale Fiktion mit Schlager-Musik und großen Kostümen.“ (Zitat von der Homepage der jtw unter https://jtw-spandau.de/die-wahre-geschichte/ )

Tast- und Bühnentour

Die schrille Inszenierung bediente sich einer an das traditionelle China erinnernden Szenerie. Die daran erinnernden Kostüme und drei aus Bambusstangen gebaute Gerüste als multifunktionales Bühnenbild wurden bei der vorangehenden Bühnen- und Tastführung von den Gästen mit einer Beeinträchtigung des Sehens erkundet.

Mehoden der Audiodeskription

Das Script des Audio-Kommentars entstand durch die Zusammenarbeit von Anke Nicolai und zwei der im Projekt geschulten Audiodeskriptorinnen, Kristina Bauer und Charlotte Miggel. Da das Stück aus drei voneinander unabhängigen Teilen bestand und die Schauspieler*innen in viele Rollen schlüpften, war die Audiodeskription nicht nur für das Publikum mit einer Beeinträchtigung des Sehens eine Orientierungshilfe in der grotesken Parabel. So schafften es die den Audio-Kommentar sprechenden Anke Nicolai und Charlotte Miggel beispielsweise sehr gut die Texte der von mehreren Schauspieler*innen geteilten Rollen anzumoderieren. Für das sehende Publikum war das teilweise klar, welche in welcher Rolle die Schauspieler*innen sprechen, denn beispielsweise „Der Kommissar“ wurde immer durch eine Lederjacke bekleidet, die die verschiedenen Darsteller*innen anzogen. Trotzdem ermöglichte der Audio-Kommentar bei den fließenden Rollen-Übergängen und den für mich schwer merkbaren chinesischen Namen ein wenig mehr Übersichtlichkeit.
Für sehende Zuschauer*innen wurde der wechselnde Ort der Handlung oder sonstige Kommentare, sowie die Texte der eingespielten Schlager Musik mit der Blinkschrift einer Digitalanzeige erkennbar, der Audiokommentar gab diese Informationen auch.

Wirkung der Audiodeskription

Da es bei dieser Produktion nur eine Aufführung mit Audiodeskription gab, vermute ich, dass es keine gemeinsame Probe der Audiodeskriptorinnen und der Schauspieler*innen gab. Trotzdem fügte sich die Audiodeskription auch für mich als sehende Zuschauerin sehr gut und in keinem Fall störend, meist in Sprech- und Umbaupausen, in das Stück ein. Einziger Wehrmutstropfen, das Stück war insgesamt sehr sehr laut, so konnte man die Audiodeskription, obwohl ja live und verstärkt dazu gesprochen, teilweise akustisch nicht verstehen.

Ich als sehende Theaterbesucherin konnte durch die im Programmheft gegebenen Referenzen ein paar Stilmittel besser nachvollziehen und den am Ende des Stückes stehenden bedeutungsschwangeren Satz „Welches Kind hat noch keine Menschen gefressen?“ interpretieren. Auch konnte ich die Vehemenz des Stückes und des jungen Ensembles nachvollziehen, denn: „Wir leben auf Kosten der nachfolgenden Generationen, unserer Kinder – und diese haben nur 3 Möglichkeiten: Sie rebellieren. Sie begreifen das System und führen es fort. Oder sie werden gefressen.“

Dass es manchen Theatergänger*innen anders ging, offenbarte sich mir in einem Gespräch mit einem Theatergast mit beeinträchtigtem Sehvermögen im Anschluss an die Vorstellung. Er hätte sich vor Beginn des Stückes eine detailliertere thematische Einführung und/oder eine Diskussionsrunde danach gewünscht. Und auch eine Vorwarnung im Bezug auf die Lautstärke, denn sein Führhund war mit dabei.