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Audiodeskription im Dienst der fliegenden Schlange

Posted in Allgemein, and Gastbeitrag

Gastbeitrag in Lavinias Theater Blog von Ursula, Projektmitarbeiterin Berliner Spielplan Audiodeskription über den Besuch von „Happy Island“ im Rahmen des Festival „Tanz im August“.

Berlin – Kulturhauptstadt mit einem riesigen Angebot an Veranstaltungen. Immer und über alles auf dem Laufenden zu bleiben, wäre unmöglich. Ich, als an politisch-angehauchter Soziokultur interessiert und doch eher sporadischen Theatergängerin, kannte das jährlich stattfindende internationale Festival für zeitgenössischen Tanz im HAU Hebbel am Ufer noch nicht. Obwohl es dieses Jahr zum 30ten mal stattfindet! Happy Birthday, wünscht auch die Gratulantin „La Ribot“: „Tanz im August is a party of things to see, it’s a very intense moment, a party of theatre and dance.“ Und wer ist diese Dame, die das Tanzfestival als intensiven Moment und ein Fest des Theaters und Tanzes rühmt? Um dem selbstauferlegten Urteil der Kulturbanausin zu entgehen, schnell recherchiert: Die Choreografin ist Pionierin der feministischen Kunst und einflussreiche Vertreterin des Konzepttanzes. Sie bedient sich frei an Stilmitten aus Theater, bildender Kunst, Performance und Film… hat dadaistischen, schwarzen Humor… und betreibt die Kooperation mit der inklusiven Theatercompanie Dançando com a Diferença aus Madeira, in der Menschen mit und ohne Behinderung seit 2001 mit der Andersheit tanzen… Happy Island, verspricht ein ungewöhnliches Bühnenerlebnis nach meinem Geschmack zu werden. Noch dazu habe ich als Mitwirkende am Projekt Berliner Spielplan Audiodeskription das Glück, als Sehende am Tanztheatererlebnis von Besucher*innen mit eingeschränktem Sehvermögen teilhaben zu dürfen.

Um 18 Uhr startet die „Haptic Access Tour“ von Gravity Access Service mit fünf Gästen mit eingeschränktem Sehvermögen und deren Begleiter*innen, so dass wir eine kleine Gruppe von ca. 10 Menschen sind. Xenia, die auch später die Audiodeskription sprechen wird, stellt sich vor, beschreibt, um sie kennenzulernen ihr eigenes Aussehen und geleitet uns in den Bühnen- und Zuschauerraum des HAU2.

Dort erwarten uns in einer Reihe die fünf anwesenden Performer*innen der Companie. Barbara, der das Publikum während vorangegangenen Touren des Stückes liebevoll den Namen „die goldene Kugel“ gegeben haben. Maria, auch in einem Ganzkörperanzug, sie aber mit Schlangenmuster, die später einen mondänen Kopfputz aus bunt gefärbten Straußenfedern und Pailletten tragen wird. Joana, klein, braune Haare, die nur in silberner Shorts performen wird. Pedro, der „Lichtmacher“ des Stückes, in Leopardenleggins. Die letzte Performerin, die sich vorstellt, ist Sofia, in einem Gewusel aus rotem Tüll… Die Selbst-Vorstellung wird von Diego, dem Produktionsassistenten vom Portugiesischen ins Englische übersetzt und von Xenia vom Englischen ins Deutsche. Dann können wir noch die Bühne ablaufen um deren Dimensionen einschätzen zu können. Das Bühnenbild, schildert Xenia, ist sehr simpel. Auf die weiße Leinwand, die die Rückwand der Bühne ist, wird eine Projektion geworfen werden, die Bühne ist komplett leer, deren Boden und Seitenwände Wände schwarz. Requisiten gibt es wenige. Wir dürfen kreisrunde Reflektoren, wie sie Fotografen benutzen, eine Sonnenbrille und sehr hochhackige Schuhe mit einem Gummizug für gefahrloseres Tanzen befühlen. Nun muss der Boden vor der Aufführung noch gewischt werden, und unsere V.I.P. Kennenlern-tour ist beendet.

Im Foyer teilt Xenia uns die Empfängergeräte für die Audiodeskription aus, und nach kurzer Zeit dürfen wir – wieder mit V.I.P. Behandlung – um ca. 10 Minuten vor 19 Uhr vor den anderen bestimmt mehr als 200 ZuSCHAUER*innen, auf unsere Plätze.

Xenia verliest, während sich der Saal schnell füllt, den Text des Programmheftes. „Wo liegen die Grenzen von Bewegung, wo die Grenzen unserer Vorstellungskraft? …“ Meine Vorstellungskraft stößt sicherlich bei dem Versuch die Tanzperformance aus Perspektive von den Gästen mit eingeschränktem Sehvermögen nachzuvollziehen, an ihre Grenzen. Gut, dass wir die Performer*innen vorher schon kennengelernt haben, denn Xenia nennt sie bei der Beschreibung ihrer Aktionen und ihres tänzerischen Ausdrucks mit ihrem Namen. Auch das Bühnengeschehen bekommt man akustisch mit, wenn man keine Plätz zu weit hinten gewählt hat. Die Musikauswahl ist sehr energetisch und treibend und führt spannungsgeladen durch das Stück.

Während der Performance und der Audiodeskription werden auch einige Dinge klar, über die sich vorher, während der Haptic Access Tour, nur die sehende Perspektive (vorschnell?) ein Urteil erlaubt hat. Maria, die in einem Rollstuhl sitzt, bindet sich während einiger Minuten Dauer mit zitternden Bewegungen ihr Haar zu einem Pferdeschwanz und legt sich langsam und unter einiger Anstrengung aus ihrem Rollstuhl heraus in eine Seitenlage auf den Bühnenboden. Indem sie den bunt befiederten Kopfputz aufzieht, wird sie die fliegende Schlange. Die Performance erkundet beunruhigende Intensitäten und schafft subjektive und imaginäre Traumorte auf Zeit. Die Audiodeskription versucht die Bilder einzufangen und akustisch zu fassen und zu übersetzen.

Nach dem Stück bin ich ganz angefüllt von den schönen gesehenen und durch die Audiodeskription gehörten Bildern. Die Performer*innen  haben sie mit ihrer wahnsinnigen Bühnenpräsenz und ihrer tänzerisch elaborierten Darbietung geschaffen… und ich freue mich ob dieser durch Tanz wahr gewordenen Träume der Selbstbestimmung. Damit diese Traum-Welt, in der Menschen „mit Behinderung“ nicht behindert werden, sondern sich gleichwertig entfalten und ihren Horizont, so wie jede andere*r Kulturbanaus*in auch, erweitern können, öfters Realität werden kann, brauchen wir Audiodeskription. Sie ist ein Mittel um die Barrieren zu kultureller Teilhabe abzubauen.