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SCORES that shape our friendship: Sinnlichkeit im Rollstuhl

Posted in Theaterrezension

Alternative Formen der Erotik und Liebesind Themen, mit denen sich die Sängerin und Schauspielerin Lucy Wilke und der Tänzer Pavel Dudus bereits seit Jahren beschäftigen. Ihre gemeinsame Performance „SCORES that shape our friendship“ spricht nicht nur über Tabus. Sie zeigt sie in Farbe, in Formen, in Bewegungen, in Stoffen und nicht zuletzt in den Klängen der Sound-Künstlerin Kim Twiddle. In sieben Kapiteln erzählen die drei PerformerInnen von sanften Berührungen, gefährlichen Fantasien und erotischen Träumen. Das Stück gehört zu einer der drei Vorstellungen, die im Rahmen des 58. Theatertreffens mit einer Audiodeskription ausgestattet wird. Gesprochen wird die Audiodeskription von Nadja Schulz-Berlinghoff und Imke Baumann (der Projektleiterin des Berliner Spielplan Audiodeskription).

Die Bewegung als eigenständiges Wesen

Es beginnt mit Lucy und Pavel, die auf einer Insel aus Matratzen sitzen. Ihre Bewegungen sind synchron. Ihre Hände erforschen sich selbst, ihre Umgebung und einander mit sanften Berührungen.

„Our movement no longer belongs tojust one of us. It becomes an independent creature.“ (Unsere Bewegung gehört nicht mehr nur einem von uns. Sie wird zu einem eigenständigen Wesen.)

Nach dem ersten Kapitel werden Pavels Bewegungen kräftiger. Die Musik ändert sich von einer träumerischen Melodie in ein dramatisches klassisches Stück. Pavel wird die Wildkatze, die sich auf Lucy, seine Beute, wirft. Im dritten Kapitel nehmen Pavel und Kim Lucy in ihre Mitte. Sie umschlingen einander und schaukeln wellenartig hin und her. Dann zieht Pavel Lucy an und trägt sie zu ihrem Rollstuhl. Im Hintergrund erklingt ein Ticken wie von einem Metronom. Während er Lucy in den Rollstuhl setzt, gibt sie ihm Anweisungen wie: „Heb mal meine Knie hoch!“ Das fünfte Kapitel ist ein Tribut an Dating-Webseiten. Pavel fragt Lucy, wie es mit Tindr läuft. Sie erklärt, dass sie immer dieselbe Antwort bekommt: „You have such a pretty face, but…“ (Du hast so ein schönes Gesicht, aber…) Pavel zieht ihr einen Nylonstrumpf über den Kopf und malt Mund, Augen, Augenbrauen und Nase in knalligen Farben nach. Danach zieht er den Strumpf in alle Richtungen, bis die Farbe auf Lucys Gesicht ganz verschmiert ist. Das sechste Kapitel feiert, dass Lucy und Pavel sich nicht voreinander verstecken müssen. Pavel zieht einen grünen Badeanzug mit Schmetterlingen und Stiefel mit hohen Absätzen an. Dann legt er sich auf ein Rollbrett, das Lucy mit ihrem Rollstuhl über die Bühne zieht.

Lucy: Ich will jetzt aufstehen.
Pavel: Ok, und wie machst du das?
Lucy: Also, zuerst stelle ich meine Füße auf den Boden und dann lege ich meine Hände links und rechts auf die Räder von meinem Rollstuhl. Dann verlagere ich mein Gewicht nach vorne auf meine Beine, drücke mich mit den Armen hoch und jetzt stehe ich.
Pavel: Könntest du mich hochziehen?
Lucy: Ja.

Bevor das Licht am Ende des siebten Kapitels ausgeht, wollen Pavel und Lucy über ein Haus springen. In Gedanken nehmen sie Anlauf, machen sich leichte Gedanken und zählen: „Eins, zwei, drei.“ Dann ist das Stück vorbei.

Alles dreht sich um Berührungen

Die besondere Freundschaft zwischen Pavel und Lucy stützt sich darauf, wie sie sich und einander berühren. Besonders in Zeiten des Abstandhaltens erscheint mir das Thema Berührung ein großes Tabu anzusprechen. Gleichzeitig stellt die Performance in Frage, welche Berührungen erlaubt sind. Darf man sich selbst berühren und es genießen? Darf sich ein starker Mann auf eine hilflos erscheinende Frau stürzen? Dürfen sich drei Menschen gleichzeitig lieben? Darf der Rollstuhl Teil eines Liebespiels sein? Darf ein Mann sich erotisch anziehen? Darf man daran glauben, dass alle Grenzen überwunden werden können, wenn man nur genügend Anlauf nimmt und sich leichte Gedanken macht? Die Antwort von „SCORES“ ist: Ja! Wegen Lucys spinaler Muskelatrophie vermute ich zuerst, dass es ausschließlich um das Tabu von Behinderung und Erotik geht. Tatsächlich werden aber eine Menge Grenzen aufgezeigt und durchbrochen vom Cross-Dressing bis hin zu Dreierbeziehungen. Ich würde nicht sagen, dass das Thema Behinderung in den Hintergrund rückt. Stattdessen wird es zu einem selbstverständlichen Teil dieser Performance, die Berührung als grundlegend für jede Art der Liebe darstellt.

Zweigeteilte Audiodeskription ist unnötig

Die Audiodeskription wird von Nadja und Imke gemeinsam eingesprochen. Nadja beschreibt die Kostüme, Requisiten und Bewegungen der PerformerInnen. Imke übersetzt Teile der englischen Texte. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Zweiteilung notwendig ist. Zum einen übersetzt Imke so wenig, dass jemand, der nur Deutsch spricht, sowieso nicht viel von dem Gesagten mitbekommen würde. An einer Stelle erzählt Lucy auf Englisch, wie ein Puma eine Gruppe Antilopen erspäht, und das Einzige, was Imke sagt, ist: „Antilope.“ Entweder hätte sie mehr über Lucy drüber sprechen oder die Übersetzung weglassen sollen.
Es gibt aber auch einige schöne bildhafte Formulierungen wie: „Geschützt wie in einer Muschelschale sitzt Lucy zwischen Pavels Oberkörper und Beinen.“ An einigen Stellen beschreiben Lucy und Pavel sogar selbst, was sie tun: „Meine linke Hand streichelt meine rechte Hand.“ Immer wenn ich eine Performance erlebe, in der die PerformerInnen ihre Bewegungen beschreiben, frage ich mich, warum die Beschreibung nicht Teil des ganzen Stückes sein kann. Auf diese Weise bräuchte man keine Audiodeskription, denn sie wäre bereits ins Stück integriert.

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