Direkt zum Inhalt

Woyzeck Interrupted: Gewalt geht uns alle etwas an

Posted in Allgemein, and Theaterrezension

Morde an Frauen, Häusliche Gewalt oder auch nur durch den Lockdown bedingte gereizte Beziehungen. Das alles sind Themen, die durch Corona nicht etwa verschwinden, sondern verstärkt auftauchen. Wie präsent Gewalt an Frauen in unserer Gesellschaft ist, zeigt das Stück „Woyzeck Interrupted“ von dem iranischen Regisseur Amir Reza Koohestani nach Georg Büchner am Deutschen Theater Berlin auf besonders eindrucksvolle Weise. Ein Paar, das sich auseinandergelebt hat und doch dazu gezwungen ist, zu Hause zu bleiben und zusammenzuwohnen, bis einer von beiden auszieht. Marie und Woyzeck verstehen sich nicht mehr und die zunehmenden Spannungen zwischen dem ehemals glücklichen Paar steigern sich während des anderthalbstündigen Stücks immer mehr. Wer sehen kann, bekommt die Aufnahme eines Stückes mit Videoprojektionen. Wer nicht sehen kann, greift auf die Audiodeskription von Nadja Schulz-Berlinghoff zurück. Es ist kein erbauliches Stück, aber es regt zum Nachdenken an.

Es passiert hier

„Woyzeck Interrupted“ ist kein Stück zum Zurücklehnen und sich einfach mal unterhalten lassen. Es hält uns einen Spiegel vor. Gewalt und Missbrauch geschieht nicht nur irgendwo anders. Es passiert hier in einer ganz normalen Beziehung, in einer ganz normalen Wohnung, zwischen ganz normal erscheinenden Menschen.
Das ist es, was Woyzeck mir an diesem Abend aufweist. Schwerer Tobak für einen Samstagabend und hinterher ist sicherlich nicht gleich an Schlaf zu denken. Was fordert Corona und Lockdown Beziehungen tatsächlich ab? Alle zwei Tage stirbt eine Frau als Opfer häuslicher Gewalt. Und das nicht irgendwo anders, sondern hier, in Deutschland.
Zuerst beginnt Woyzeck relativ entspannt. Wir sehen eine Szene, in der Marie Woyzeck die Haare schneidet. Dabei rutscht ihr der Rasierer aus und eine Auseinandersetzung bricht los. Sie schreien nicht. Das tun sie während des ganzen Stücks nicht. Sie diskutieren und ihr Streit über den Rasierer und Maries Unvorsichtigkeit wird schnell zu einem Vorwand, um über Maries Abtreibung zu sprechen. Es folgen eine Menge häuslicher Szenen: Sie sitzen vor dem Fernseher und Woyzeck macht Annäherungsversuche, die Marie sichtlich unangenehm sind. Woyzeck hat eine Telefonkonferenz mit seinem Therapeuten, der er selbst zu sein scheint. Er hört Stimmen, wird immer paranoider. Marie redet ins Telefon. Sie hat Angst vor Woyzeck, bleibt aber, bis sie eine neue Wohnung gefunden hat. Woyzeck will sie zum Bleiben bewegen. Sie will nicht. Die gruseligste Szene ist die, als Woyzeck ins Badezimmer kommt, wo Marie gerade duscht. Er findet ihre Ohrringe und sticht sie sich durch die Ohrläppchen. Als Marie es bemerkt, stößt sie verstört aus: „Franz, du hast doch gar keine Ohrlöcher.“
Die Szenen werden immer wieder von Fallbeispielen unterbrochen, in denen Morde an Frauen in Deutschland beschrieben werden: „Sie wurde einunddreißig Jahre alt.“
Das Schreckliche ist, dass man weiß, es wird tragisch enden. Das tut es auch. Marie findet einen neuen Freund, mit dem sie zusammenziehen will. Als sie ihre Sachen gepackt hat, bittet sie Woyzeck, noch einmal mit ihm auf dem Dach eine Zigarette zu rauchen. Sie tut es. Er stößt sie vom Dach.

Wunderbar poetisch, aber auch abstrakt

Ich bin froh, dass sich das Deutsche Theater für dieses Stück mit Audiodeskription entschieden hat. Nein, es ist keine Unterhaltung, aber es ist vollkommen aktuell. Die Audiodeskription wird von einer meiner Lieblingssprecherinnen eingesprochen. Nadja Schulz-Berlinghoff hat den Ton von „Woyzeck Interrupted“ perfekt getroffen. Sie ist größtenteils neutral und ruhig, wie auch die beiden Schauspieler*innen hauptsächlich ruhig miteinander reden. Woyzeck ist über die gesamte Handlung hinweg passiv aggressiv. Mir gefällt es besonders, dass Nadja beschreibt, wie die Figuren etwas tun. Sie schaut ihn nicht nur an, sondern sie schaut ihn schockiert an. Was ist die Emotion, die hier vermittelt wird? Eine fantastische Arbeit des gesamten Autorenteams.
Trotz der Audiodeskription habe ich Schwierigkeiten, mir die Videoprojektionen vorzustellen, besonders, wenn es darum geht, dass sie das Bühnenbild überlagern: „Wie ein milchiger Filter flimmert das Badezimmer über die Hausfassade.“ Das klingt zwar wunderbar poetisch, aber auch abstrakt.

„Moral, das ist, wenn man moralisch ist.“

Über die Moral von der Geschichte lässt sich sicherlich streiten. Persönlich sehe ich davon ab, das Stück als Angstmacherei zu verstehen. Die Fallbeispiele zeigen, dass es viele Fälle von häuslicher Gewalt in Deutschland gibt, mehr, als wir vielleicht denken. In meiner Interpretation ist das Stück ein Scheinwerfer, der auf ein globales Problem hindeutet. Gewalt an Frauen, an Männern, an Kindern, an Tieren: Das ist ein omnipräsentes Problem. Meiner Meinung nach sagt dieses Stück: Wir sind in der Verantwortung! Es soll uns näherbringen an ein Thema, das wir normalerweise von uns wegschieben wollen. Es lässt sich auch auf behinderte Menschen anwenden. Gewalt an wem auch immer, sei sie körperlich oder psychisch, geht uns alle etwas an. Wir sind in der Verantwortung.

Wenn ihr mehr über „Woyzeck Interrupted“ wissen wollt, dann meldet euch doch schon mal für unseren nächsten Theaterclub am Sonntag, den 11. April 2021 von 11:00 bis 12:30 Uhr an. In dieser Matinee sprechen wir mit Sima Djabar Zadegan, der Dramaturgin von „Woyzeck Interrupted“.
Anmelden könnt ihr euch wie immer mit einer kleinen E-Mail an Eva unter presse@theaterhoeren-berlin.de.