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Ein Jahr Corona, ein Jahr digitales Theater

Posted in Die besten Listen

Ein Jahr Corona – das bedeutet, ein Jahr zu Hause bleiben, ein Jahr geschlossene Theater, ein Jahr ohne Tastführungen. Es bedeutet aber auch ein Jahr voller Experimente, Livestreams mit Audiodeskription, ein Jahr Berliner Spielplan auch außerhalb von Berlin. In diesem Blogpost möchte ich eine Auswahl der spannendsten inklusiven Aktionen nennen, die ohne den Lockdown nicht entstanden wären.

Streams mit Audiodeskription

An erster Stelle stehen für mich die Theaterstücke mit Audiodeskription, die im Laufe des letzten Jahres als Streams entstanden sind. Der aktuellste Stream ist „Woyzeck Interrupted“ vom Deutschen Theater Berlin. Das Stück zeigt, wie präsent Gewalt an Frauen in unserer Gesellschaft ist. Wem über Weihnachten die Langeweile plagte, konnte sich „Mutter Courage und ihre Kinder“ vom Berliner Ensemble in einer historischen Aufnahme mit Helene Weigel ansehen. Ein schweres Stück und ich bin froh, dass es in dieser Besetzung bereitsteht. Obwohl das Stück alles andere als erbaulich ist, gibt mir die alte Aufzeichnung dennoch ein nostalgisches Gefühl.
Zwei Stunden Oper und das auch noch auf Tschechisch? Zuerst klingt das nicht besonders spannend, aber „Jenufa“ von Leos Janácek ist gerade wegen der lebhaften Beschreibung von Anke Nicolai und Nadja Schulz-Berlinghoff den zweiten Blick bzw. das offene Ohr wert. Eigentlich sollte die „Zauberflöte“ von Mozart die erste Oper mit Audiodeskription in der Deutschen Oper Berlin sein. Der Text war fertig, die Termine gesetzt. Und dann kam der Lock-Down… Statt der „Zauberflöte“ feiert die Deutsche Oper nun mit einem anderen Werk ihre Premiere.

© Arno Declair, Woyzeck Interrupted. Woyzeck und Marie stehen sich gegenüber und blicken sich an. Er hat ein Handtuch um seine Schultern gelegt, ihr Handtuch ist um ihren Körper gewickelt. Vor ihnen ist eine Metallkonstruktion mit einem Vergrößerungsspiegel, der Maries Kopf größer scheinen lässt.
© Arno Declair, Woyzeck Interrupted.

Der digitale Theaterclub

Ein wichtiger Teil des Theatererlebnisses besteht natürlich darin, vor Ort zu sein und sich ein Stück live anzusehen. Ebenso wichtig ist es, über das Erlebte zu sprechen. Als die Theater vor einem Jahr ihre Pforten geschlossen haben, schien beides nahezu unmöglich. Wie sollte man auch gemeinsam über Theaterstücke sprechen, wenn man sich nicht treffen kann. Die Antwort haben die vielen aufkommenden Experimente mit ZOOM gegeben. Kurz nachdem im März 2020 der erste Lockdown angesagt wurde, veranstaltete der DBSV-Jugendclub eine Lesung von Erich Kästner über ZOOM. Das war das erste Mal, dass ich von ZOOM gehört habe. Aus dieser Idee ist der Theaterclub entstanden. In den vergangenen Monaten haben wir über „Hamlet“ vom Schauspiel Bochum, „Peer Gynt“ vom Schauspiel Leipzig, „Jenufa“ von der Deutschen Oper Berlin, „It’s all forgotten now“ von den Sophiensälen Berlin und „Mutter Courage und ihre Kinder“ vom Berliner Ensemble gesprochen. Gäste variierten von der Audiodeskriptorin Maila Giesder-Pempelforth über den Dramaturgen Lars Gebhardt und die Choreografin Xenia Taniku bis hin zur Brechtinterpretin Gina Pietsch.
Inzwischen findet der Theaterclub jeden zweiten Monat statt. Im April sprechen. In unserem nächsten Theaterclub am 11. April 2021 sprechen wir mit der Dramaturgin Sima Djabar Zadegan. Anmelden könnt ihr euch wie immer mit einer kleinen E-Mail an Eva unter presse@theaterhoeren-berlin.de.

© Hainer Hill © AdK, Berlin. Berliner Ensemble "Mutter Courage und ihre Kinder", 1951. Helene Weigel lehnt sich mit einem hocherhobenen Arm an die Kulisse und schaut mit der anderen Hand an der Hüfte zu Bertolt Brecht. Dieser schaut sie von der Seite an. Er hat kurze dunkle Haare, eine schwarz-umrandetet Brille, trägt ein weites Arbeiter-Sakko und hält eine Zigarre in seiner rechten Hand.
© Hainer Hill © AdK, Berlin. Berliner Ensemble „Mutter Courage und ihre Kinder“, 1951. Helene Weigel und Bertolt Brecht

Digitale Tastführung am Theater an der Parkaue

Sehen oder Nicht-Sehen, das ist die Frage auf der digitalen Tastführung am 8. Oktober 2020, die gemeinsam vom BSA und dem Theater an der Parkaue organisiert wird. Nur geht es an diesem Tag eher ums Fühlen als ums Sehen. Drei Blinde – Silja Korn, Ugne Metzner und ich – haben das große Glück eine der Stationen des Stückes „Domino-Effekt“ ertasten zu können und zwar live auf ZOOM und Youtube. Wenn man sich mit so vielen Kamera- und Beleuchtungsmenschen nicht wie ein Celebrity vorkommt, dann weiß ich auch nicht. Das Stück ist eine Art Parcours. Die ZuschauerInnen müssen theoretisch durch das ganze Haus gehen und eine Station nach der anderen erleben. Wir sind heute auf Bühne 1, wo nur ein kleiner Teil des Bühnenbildes aufgebaut ist. Zumindest haptisch handelt es sich aber um einen sehr interessanten Teil. Im Laufe der einstündigen Veranstaltung werden wir – die Blinden live vor Ort – das Gefühlte für die Blinden live vor ihren Geräten beschreiben. Imke Baumann, Justus Rothlaender und Michaela Gabriel moderieren, beschreiben und erzählen derweil alles, was man über das Bühnenbild, das Stück und die Geschichte des Hauses wissen muss. Die gesamte digitale Tastführung könnt ihr euch auf Youtube ansehen.

ZOOM Screenshot: Lavinia fühlt den orangenen Schutzanzug an der Halsgegend und schaut in die Kamera. Sie steht auf der Veranda und der Anzug mit dem weißen Helm hängt an der Veranda-Wand.
ZOOM Screenshot: Lavinia fühlt den orangenen Schutzanzug mit Helm.

Digital wird Theater oder Theater wird digital?

Innerhalb eines Jahres hat sich das Digitale ins Theater geschlichen. Stücke, die ansonsten nur in Berlin, Leipzig, Hannover oder Hamburg aufgeführt werden sollten, konnten nun für alle Zuschauer*innen im deutschsprachigen Raum zugänglich gemacht werden. Theater mit Audiodeskription wird selbst nach dem Lockdown aus den Theatern nicht mehr wegzudenken sein.