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Autismus mit Audiodeskription

Posted in Theaterrezension

„Was ist bei denen anders?“

Das ist eine Frage, die sich behinderte und auch nicht-Behinderte Menschen, die mit ihnen in Berührung kommen stellen. Es ist die Frage, die sich das Stück „Vertigo“ des Theater THIKWA in Kreuzberg stellt. Vier Performer untersuchen Autismus und die Besonderheiten, die als Autist auf einen zukommt, wenn man sich zu anderen in Beziehung setzen soll.
„Es ist nicht einfach, in einem Körper zu stecken, der Ja sagt, aber gleichzeitig auch Vielleicht.“
„Vertigo“ untersucht diese Unsicherheit mit Musik, Beatboxing, Interviews und Gegenständen. Zum ersten Mal stattet das Theater THIKWA eine Performance mit Audiodeskription aus mit Elena Jansen als Audiodeskriptorin.

Ausgrenzung lässt sich auf alle Behinderungen anwenden

Das Theater THIKWA ist für sein Ensemble aus behinderten und nicht-behinderten PerformerInnen bekannt. Sie haben ihren Einstieg in die Audiodeskription mit „Vertigo“ meiner Meinung nach gut gewählt. Zwar beschäftigt sich das Stück mit Autismus im Speziellen, Themen wie Ausgrenzung und Sonderbehandlung lassen sich jedoch auf alle Behinderungen anwenden. Während des Stück interviewen die beiden Darsteller Frank und Max sich immer wieder gegenseitig, während Louis und Alex im Hintergrund beatboxen und verschiedene Instrumente spielen. Auf der Bühne ist eine Mauer aus bunten Würfeln aufgebaut, die aufeinander gestapelt an einen Rubics Cube erinnern. Sie verleiht der Bühne, zumindest in meiner Vorstellung, einen logischen Aufbau, der allerdings durch die verschiedenen Farben der Würfel sabotiert wird. In Gesprächen, Interviews und Verhören sprechen die Performer von ihren Erfahrungen mit Autismus. Zwischendurch werden die Gespräche von angedeuteten Computerspielen mit bunten Lichtern und der Hintergrundmusik eines alten Computerspiels unterbrochen. Sie haben Gefühle, die aber wie hinter einem Panzer verborgen sind. „Gefühle sind ein Panzer, wenn die Schale knackt, dann geht’s auf die Substanz“
Sie berichten von einem Mann, der Herzen „knietscht“. Er quetscht den Stoff, bis er wie ein Herz aussieht. Dann knietscht er ihn noch mehr, bis er wie eine Wurst aussieht. Gleichzeitig spielen die Performer mit einem Stoffherzen und roten Stoffwürsten. Sie berichten, wie schwer es diesem Mann fällt, sich von einer Aufgabe, in die er vertieft ist, loszureißen.
Das Stück greift einige Klischees von Autismus auf, darunter das Verständnis für Zahlen, das Versinken in der eigenen Welt und den ordnungsdrang. Gleichzeitig versucht es auch, auf das menschliche, auf die Gefühle und den Zugehörigkeitswunsch einzugehen. Es ist definitiv ein interessantes Stück, das Fragen aufwirft.

Es gibt keine Einführung ins Stück

Das Stück startet ohne Verzögerung. Elena Jansen bemüht sich, die Bühnenbeschreibung so kurz wie möglich zu halten und so bekomme ich nur mit, dass es eine Lichtspirale gibt, die über der Bühne hängt. Was das genau ist, kann ich mir nicht vorstellen. Später erfahre ich, dass es auch eine Mauer aus farbigen Würfeln gibt. Die Beschreibung der Charaktere wird zwischendurch eingestreut. Davon bleibt mir leider nichts im Gedächtnis. Bühne, Kostüme und Requisiten sollten vor der Performance beschrieben werden, damit ich mich als Blinde nicht auf zu viele Details auf einmal konzentrieren muss. Weil während der Performance viel gesprochen wird, kann ich dem Stück inhaltlich gut folgen. Nur manchmal habe ich das Gefühl, dass mir Zusammenhänge verborgen bleiben. Bewegungen zu beschreiben ist immer eine der größten Herausforderungen einer Audiodeskriptorin. Das ist in „Vertigo“ genauso. Elena verwendet einige bildhafte Wendungen wie: „Er prallt wie an einer unsichtbaren Wand ab.“ Bei solchen Wendungen muss ich nicht sehen, um zu verstehen, denn ich bin selbst schon oft genug an einer Wand abgeprallt.
Andere Wendungen waren leider weniger deutlich, darunter: „Max hüpft auf der Stelle und führt verschiedene Armbewegungen aus.“ Oder: „Er schwingt die Arme über den Kopf wie einen Heiligenschein.“ „Armbewegungen“ ist für mich nicht konkret genug, denn Bewegung bedeutet nur, dass sich jemand rührt. Es ist das Wie und Warum, das mich interessiert. Mit der zweiten Beschreibung kann ich nichts anfangen, da Heiligenscheine in meiner Vorstellung nicht geschwungen werden wie ein Lasso, sondern über den Köpfen von heiligen schweben.

Audiodeskription ist geil!

Audiodeskription wird immer populärer an Berliner Theatern. Besonders ein Theater wie das THIKWA sollte noch mehr Fokus auf Audiodeskription legen, um ein inklusiveres Theater zu werden. Alles in allem kann ich das Stück nur weiterempfehlen, denn es spricht über ein Thema, das unterrepräsentiert ist: Wie setzen behinderte Menschen sich in Beziehung zu ihrer Umwelt? Die Audiodeskription macht es mir möglich, an diesem Diskurs teilzunehmen. Es ist aber definitiv Platz nach oben. Deshalb möchte ich als Antwort auf den Ausruf, „Autismus ist geil!“ antworten: Audiodeskription ist geil!

Im Februar und März 2021 wird es wieder einige Vorstellungen mit Audiodeskription im Rahmen des Berliner Spielplans geben. Deshalb werft ruhig einmal wieder ein Auge, oder welches Körperteil ihr gerade zur Hand habt, auf unseren Spielplan.