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Wenn es erstmal im Kopf ist, ist alles andere machbar

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Kreativ tätig sein und für andere etwas zu tun – das bedeutet Audiodeskription für Jutta Polić. Als Audiodeskriptorin des Berliner Spielplan Audiodeskription ist die diplomierte Sozialpädagogin und Kulturmanagerin seit Sommer 2019 tätig. Alle unsere AudiodeskriptorInnen haben einen persönlichen Zugang zur Kunst des Beschreibens gefunden. In einem Interview berichtet Jutta von ihren Erfahrungen.

Lavinia: Wie sieht dein Alltag in Corona-Zeiten aus?

Jutta: Im Dezember war ich noch mit der Audiodeskription für „Gespenster“ beschäftigt und für „Mutter Courage“. Der Januar ist zuerst langsam angegangen. Dann habe ich mit zwei Bildenden Künstler*innen einen Antrag für ein Kulturelles Bildungsprojekt konzipiert und beantragt und habe mit dem Tänzer Gabriel Galindez Cruz, mit dem ich seit 2014 zusammenarbeite, begonnen an einem Stück für taube und hörende Kinder zu arbeiten. Ich konnte eine Audiodeskription überarbeitet, die ich für das „FELD-Theater für junges Publikum“ geschrieben habe. Im Stück geht es um die Bienen. Der AD-Text war schon im Dezember fertig, dann war absehbar, dass das Stück erstmal nicht stattfinden wird. So konnte ich die AD liegen lassen und sie nach einiger Zeit noch einmal anschauen. Man findet immer Stellen, die verbessert werden können. Das habe ich sehr genossen. Es sollte immer so viel Zeit geben!

Lavinia: Was ist es, woran du bei Audiodeskriptionen am meisten arbeitest?

Jutta: Manche Stellen sind kompliziert und ich finde in diesem Moment nicht die richtige Lösung. Ein paar Tage später lese ich die Stelle wieder und denke: „Na klar, das muss so und so getextet werden.“

Bei der AD ist es immer herausfordernd, das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt zu finden. Und manchmal steht man einfach auf dem Schlauch. Zwei Tage später hebt man den Fuß vom Schlauch und das richtige Wort ist auf einmal da! Ich habe mir ein kleines Glossar angelegt. Wenn ich eine Audiodeskription höre und eine Formulierung schön finde, schreibe ich sie mir auf. Das ist anregend und versetzt mich in die „AD-Stimmung“.

Lavinia: Ich habe gesehen, dass du eigentlich Sozialpädagogin bist. Was mich interessiert: Wie hängt das für dich zusammen – die Audiodeskription und die Arbeit als Sozialpädagogin?

Jutta: Ich bin gerne kreativ tätig und gleichzeitig ist es sehr schön, für andere Menschen etwas zu tun. Das ist für mich der Zusammenhang: Kunst und Pädagogik zusammen zu führen. Die Projekte in der Kulturellen Bildung – Tanz oder Bildende Kunst – gehen in die gleiche Richtung: einerseits etwas Kreatives zu machen und künstlerisch tätig zu sein, aber auch für die Gesellschaft, für andere da zu sein.

Eigentlich wollte ich Literatur studieren, doch dann bin ich durch ein persönliches Erlebnis in die Flüchtlingsszene gerutscht. Das war Anfang der 1990er Jahre, während des Krieges in Jugoslawien. Ich habe schnell meine Studienpläne geändert und Sozialpädagogik studiert.

Ab 2003 habe ich im „MACHmit! Museum für Kinder“ als Museumspädagogin gearbeitet. Mit Texten habe ich mich schon immer gerne beschäftigt und konnte das im Kindermuseum auch tun. Ich habe Führungen durch die Ausstellungen gemacht und Workshops geleitet, Kinoveranstaltungen und Kinderflohmärkte organisiert, aber eben auch Projektanträge für das Kindermuseum geschrieben.

Lavinia: Was gefällt dir an der Arbeit mit Kindern so gut?

Jutta: Kinder bestehen hauptsächlich aus Emotionen. Wenn man erwachsen wird, dann vergisst man Emotionen oft und andere Dinge werden wichtiger. Wenn man mit Kindern arbeitet, besinnt man sich wieder darauf, wie wichtig Emotionen sind, wie viel man davon in sich hat und häufig wegdrückt. Kinder zeigen natürliche Reaktionen, natürliche Emotionen.

Was ich schön bei Kinderstücken finde, ist, dass man in der Audiodeskription Worte wie zum Beispiel hopsen, kreischen, hüpfen benutzen kann. Das sind Worte, die bei einem Erwachsenenstück nicht so oft benutzt werden.

Lavinia: Wenn du eine Audiodeskription für ein Kindertheaterstück wie „Der kleine König Dezember“ schreibst, bekommst du Feedback von den Kindern?

Jutta: Ein Feedback habe ich nach dem kleinen König Dezember bekommen. Nach der Vorstellung kam ein Mädchen zu mir, das zum ersten Mal ein Theaterstück mit Audiodeskription gehört hat. Sie wollte mir ihren Milchzahn schenken, der gerade ausgefallen war. Das war eine große Ehre!

Lavinia: Was ist dein Lieblingsstück mit Audiodeskription, an dem du selber mitgearbeitet hast?

Jutta: Ich glaube tatsächlich, es war „Der kleine König Dezember“. Das hat nicht nur damit zu tun, dass es ein Kinderstück war.  Es war auch das erste Mal, dass ich die Audiodeskription gesprochen habe. Das hat unglaublichen Spaß gemacht. Ich dachte zuerst, dass ich aufgeregt sein würde. Das war aber überhaupt nicht der Fall! Auch das Improvisieren ist leicht gegangen – eine wunderschöne Erfahrung.

Lavinia: Ich frage mich, was schwieriger ist: Ein Theaterstück mit Audiodeskriptionstext zu beschreiben oder zu improvisieren.

Jutta: Ohne Text braucht man viel Erfahrung. Dass man einfach auf die Bühne blickt und beschreibt, was vor sich geht, wie es z.B. die Audiodeskriptoren bei Sportveranstaltungen tun, stelle ich mir schwierig vor. Man braucht ein gewisses Repertoire, das immer und schnell abrufbar ist – und dann geht´s los.

Lavinia: Hast du eine goldene Regel für dich, wie man am besten Bewegung als Audiodeskriptorin beschreibt?

Jutta: Tanz ist wirklich schwierig. Wir haben bei Anke Nicolai für den Berliner Spielplan Audiodeskription eine Schulung gemacht. Sie hat uns ein Video von einer Ballettaufführung gezeigt, die sie beschrieben hat. Die haben wir zuerst mit geschlossenen Augen angeschaut. Mir ist aufgefallen, dass es mich nicht so sehr interessiert hat, ob das rechte Bein nach oben schwingt oder das linke. Vielmehr hat mich das emotionale Erleben der Tänzer interessiert, WIE sie sich wohin bewegen und was ihre Motivation war.

Ich habe noch kein Tanzstück beschrieben, aber wenn es eine Tanzszene in einem Theaterstück oder im Film gibt, arbeite ich verstärkt mit einem Online-Synonymwörterbuch. Ich versuche, mich der Bewegung anzunähern und hoffe, dass ich unter den vielen Vorschlägen ein Wort finde, auf das ich sofort anspringe: „Aja, genau, er stakst.“

Lavinia: Was wünschst du dir für die Zukunft, besonders im Hinblick auf Audiodeskription und Inklusion im Kulturbereich in Berlin?

Jutta: Ich wünsche mir, dass die Audiodeskription selbstverständlich wird, ob in Theatern, Museen oder in anderen Kultureinrichtungen. Sie sollte keine Ausnahme sein. Wenn man zum Beispiel eine Ausstellung konzipiert, sollte eine AD von vorneherein mitgedacht werden.

Lavinia: Wie glaubst du, ist das realisierbar?

Jutta: Die AD muss natürlich finanziert werden, aber es muss vor allem in den Köpfen der Menschen wachsen, dass der Zugang für blinde Menschen selbstverständlich dazu gehört. Wenn das erstmal drin ist, ist alles andere auch machbar.