Der Start in die neue Spielzeit hatte es in sich: Gleich drei Wiederaufnahmen –Lars Eidinger als „Richard III.“, „Blinded by Delight“ und „Was ihr wollt“ – standen letzte Woche auf dem Programm. Dazu kam mit unserem Inklusionsparcours eine besondere Veranstaltung, die den Theaterbesuch einmal aus einer ganz anderen Perspektive erfahrbar machte.
Lars Eidinger als Richard III. ganz nah
Am vergangenen Donnerstag fand vor der Vorstellung von „Richard III.“ in der Schaubühne eine Tastführung mit Lars Eidinger statt. Eine gute halbe Stunde früher als üblich kam er bereits im Kostüm – bucklig und mit Klumpfuß, den Kopf in einer ledernen Gurtvorrichtung – über die sandige, manegenartige Vorbühne gehumpelt. Freundlich lächelnd gesellte er sich zu den im noch leeren, dem Shakespeareschen Globe Theatre nachempfundenen Rund des Theatersaals vorfreudig wartenden blinden und sehbehinderten Besucher*innen. Eidinger ließ fühlen, wie der Buckel an seinem Oberkörper befestigt ist, und erzählte dabei, wie die einzelnen Teile seines Kostüms entstanden sind. Der Schuh für den Klumpfuß etwa ist keine teure orthopädische Anfertigung, sondern wächst von Vorstellung zu Vorstellung durch immer neue Lagen Panzertape, die die Sohle des kaputten Stiefels am Oberleder halten. Auch das künstliche Gebiss, das den Ton seiner Stimme so eigentümlich verändert, hat er selbst aus seiner eigenen Knirschschiene und ein paar aufgeklebten Brackets gebastelt. Während Richards Krone von Kopf zu Kopf wanderte und für das massive, hüfthohe Eisenschwert gerne einmal die Langstöcke zur Seite gelegt wurden, ging Eidinger zugewandt auf die Fragen der Besucher*innen ein. Er erzählte, wie er auch nach der 100. Vorstellung – je nach vorherigem Tagesverlauf – immer wieder einen neuen Zugang zu seiner Bühnenfigur findet und es genießt, auf der runden Bühne so nah am Publikum zu agieren. Ein paar fröhliche gemeinsame Fotos, mit denen man später ein bisschen angeben kann, wurden noch gemacht. Dann winkte auch schon der königliche Bruder Edward von der hölzernen Balustrade: Zeit für das Einspielen des Ensembles.
Inklusionsparcours: Mit verbundenen Augen durch den Theateralltag
Wo finde ich auf meinem Schreibtisch meine Theaterkarten? Wie viele Münzen sind in meinem Geldbeutel? Welche Socken ziehe ich ins Theater an? Und wie klingt eigentlich der Weg von der Haustür bis zur Theaterkasse? Im Rahmen der Aktionswoche #deinestimmefürkultur konnten sehende Menschen am vergangenen Freitag im theaterhaus berlin mit dem Berliner Spielplan Audiodeskription einen Parcours erproben – mit Augenbinde und unter der Anleitung von blinden und sehbehinderten Menschen. Es galt, sich auf einen Theaterabend mit Audiodeskription vorzubereiten: Eintrittskarten finden, Socken sortieren, sich schick machen oder noch schnell einen gerissenen Schnürsenkel einfädeln. Alltägliche Aufgaben wurden so plötzlich zu echten Herausforderungen.
Damit der Parcours gut funktionieren konnte, war auch hinter den Kulissen einiges los. Noch fünf Minuten vor Beginn war das Spielplanteam mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt. Die Eröffnungsgäste Dennis Haustein und Lucas Schaal, beide CDU, verspäteten sich jedoch auch etwas (der Eingang des Theaterhaus ist wirklich schwer zu finden). Aber dann waren sie da und bekamen gleich die schwierige Aufgabe mit Augenbinden, also quasi blind unser Absperrband vor der Parcours-Tür zu durchzuschneiden. Mit vereinten Kräften haben sie die Aufgabe mit Bravour gelöst und sich dann auch mit Verve und Interesse in die Alltagsherausforderungen des kleinen Versuchsaufbaus begeben.
Besonders erfreulich war, dass eine ganze Gruppe blinder und sehbehinderter Stammgäste und Kolleg*innen da war, mit deren Hilfe die Veranstaltung überhaupt erst authentisch und sinnvoll wurde. Im Parcours haben einige tatkräftig an einzelnen Stationen erklärt und unterstützt. Bei einer Hörstation konnten dann noch Geräusche erraten werden. Wie unterscheiden sich die Ampelsignale für rot und grün voneinander und wie klingen U-Bahn und S-Bahn? Besucher*innen jeden Alters stellten sich dem Parcours und konnten im Anschluss mit unserer blinden und sehbehinderten Gruppe ins Gespräch kommen. Ein anderer Teil der blinden Gruppe saß vor der Parcours Tür auf einem großen blauen Sofa und nahm die verschiedenen Gesprächspartner in Beschlag, nachdem sie die Erfahrung im Parcours gemacht hatten, und es ergaben sich mehrere lebhafte Gesprächsrunden. Die Politiker, es waren neben den beiden schon benannten außerdem Katina Schubert (Die Linke) und Stefan Schenck (SPD) zeigten sich interessiert, beschrieben ihre Parcours-Erfahrung und ließen sich Wissenswertes erzählen. Dabei spielte die Zugänglichkeit zu Kulturveranstaltungen und die weitere Finanzierung der Spielplanangebote eine Rolle, ebenso aber auch andere drängende Probleme und Erfahrungen im urbanen Raum wie etwa das nach wie vor leidige E-Roller-Aufkommen in Berlin. Der Ohrsicht Redakteur Eberhardt Dietrich begleitete Herrn Schenck durch den Parcours. Der Beitrag ist hier zu hören. Infowände informierten ergänzend über Themen wie die Barrierefreiheit im Berliner ÖPNV und den Arbeitsmarkt für blinde und sehbehinderte Menschen. Auch die Antworten auf die Wahlprüfsteine des Berliner Spielplans Audiodeskription waren vor Ort nachzulesen. Die vorhandenen Ausführungen sind über den Link abrufbar: Wahlsprüfsteine
Große Show im Palast
Im großen Eröffnungswochenende durfte die Show im Palast nicht fehlen. Das Schreibteam musste sich wie immer neuen Herausforderungen stellen, denn der Palast hat über den Sommer einige der Figuren neu besetzt. Da hieß es neu recherchieren und schreiben. Offenbar ist das Ergebnis gelungen, denn Gäste aus Berlin, Leipzig, Halle und sogar Nürnberg bedankten sich im Anschluss überschwänglich bei den Sprecher*innen Anke Nicolai und Fabian Fornalski. Ab dem 10. September erwarten wir dann mit Spannung den neuen Herzensjungen der Hauptfigur Lucy. Daniel Johnson ist ein deutsch-britischer Sänger und Musicaldarsteller. Und als Mitglied der Schlager-Pop-Boyband Team 5ünf nicht zuletzt gern gesehener Gast im ZDF-Fernsehgarten.
Und zum Abschluss: ein Liebeswirrwarr
Und auch der Sonntag stand ganz im Zeichen des Theaters: Im Berliner Ensemble trafen sich Komödienbegeisterte noch einmal zu „Was ihr wollt“, dem Liebesverwirrspiel von Altmeister Shakespeare. Unser Tonmeister Dietrich Petzold probierte eine neue sehr ansprechende Sprechvariante aus, die für die Sprecherin noch mehr Variationsmöglichkeiten eröffnete. Diese nutzte Irene Baumann professionell und führte uns geistesgegenwärtig durch Improvisation und spielerisches Feuerwerk des wie immer gut aufgelegten Berliner Ensembles. Mehr Gedanken zum Stück gibts im Podcast „Wie wars?“: Wie war’s, Christiane Paul? – Wie war’s? – Apple Podcasts
Nach dieser erfreulichen Eröffnung mit einem vielfältigen Programm von Politik über Glamour bis Komödie freuen wir uns auf die neue Spielzeit und natürlich auf Sie, liebes Publikum! Wir hören uns im Theater!

