von Emilia Dorfner
Höher – Schneller – Tiefer
Willkommen in der Welt von Melle. Eine Welt zwischen zwei Polen und viel dazwischen.
Der Autor Thomas Melle beschreibt in seinem autobiografischen Roman „Die Welt im Rücken“ seine bipolare Störung und ermöglicht den Leser*innen einen unmittelbaren Einblick in seine Gedankenwelt. Nicht als distanzierte Beobachtung, vielmehr als Einladung, ihm zu folgen – in Höhen und Tiefen, in Euphorie und Verzweiflung. Genau dies gelingt auch der Inszenierung von Lucia Bihler (Uraufführung September 2025 in Stuttgart), die im Rahmen des Theatertreffens 2026 in Berlin gezeigt wurde.
Die Zuschauer*innen werden direkt in die Welt des Protagonisten Melle geworfen und begleiten ihn von berauschenden Höhenflügen zu absoluter Leere und Dunkelheit. Zwischendurch kurze Momente des Gleichgewichts.
Manie – Depression – Normalität.
Immer und immer wieder.
Eine Achterbahnfahrt des Kontrollverlusts. Ein Auf und Ab. Ein Durchatmen, Eskalieren und Fallen. Ein kurzer Moment der Ruhe, bevor die nächste Welle kommt. Und jede Welle wird größer, jede Kurve steiler und jeder Absturz tiefer. Noch bunter, noch lauter, noch überdrehter und gleichzeitig immer dunkler, stiller und aussichtsloser.
Eine stetige Erschütterung des gesamten Selbstbildes
Zu Beginn tritt Melle allein auf. Der Bühnenraum ist begrenzt, überschaubar, fast kontrollierbar. Nach und nach treten seine sechs Doppelgänger hinzu. Figuren, die Gedanken, Impulse und innere Stimmen verkörpern. Sie tragen seine Emotionen weiter, verstärken sie, treiben sie an. Melle nimmt immer mehr Raum ein. Der Vorhang öffnet sich und plötzlich wächst die Bühne ins Unermessliche.
Ein riesiger Raum entsteht. Ein Raum, den Melles Manien und Depressionen immer stärker einnehmen. Ein Raum, der ihm eine Bühne gibt, ihn abheben und wortwörtlich schweben lässt, denn in einer Szene tut Melle genau das: an einem Seil befestigt und mit einem Riesenumhang versehen, steigt er in die Höhe des Bühnenraums auf. Ein Raum, in dem er fällt und untergeht, von dem er beinahe verschluckt wird, bevor er ihn sich erneut aneignet, ihm mit Überheblichkeit, Größenwahn und Party füllt – nur um von ihm Sekunden später in Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit verschlungen zu werden.
Die rundum rosafarbene Bühne erstreckt sich nicht nur visuell. Vor allem im Klang von Stimme und Bewegungen im Raum habe ich die Öffnung, die Größe und das Ausmaß wahrgenommen und kombiniert mit der Bühnenbegehung, die vor der Aufführung angeboten wurde, besser begreifen können.
Inszeniert wird dies nicht nur durch das rosafarbene Bühnenbild, sondern ebenso durch die in der Tastführung erlebbaren Kostüme und Requisiten. Melle tritt zu Beginn in einem roten Oberteil mit überzeichnet muskulösen, aufgepolsterten Armen auf, das ihm zusätzliche Größe und Präsenz vermittelt. Dadurch hebt er sich deutlich von seinen Doppelgängern ab.
Mit jeder Phase steigert sich nicht nur sein Verhalten, sondern auch sein Erscheinungsbild. Seine Hände wachsen zu überdimensionierten Fäusten an, als trüge er riesige Boxhandschuhe. Eine noch größere Version des aufgeblasenen Oberkörpers lässt seinen Körper immer mächtiger und seinen Kopf immer kleiner erscheinen. Eine Alien-Maske kommt hinzu. Schließlich erreicht die Inszenierung ihren visuellen Höhepunkt in einem knallbunten Pillenumhang.
Dieser Umhang, den ich – ebenso das Oberteil mit den aufgepolsterten Muskeln, in der Tastführung bereits erkunden konnte, wurde aus ganz vielen verschiedenen Stofffetzen und Materialien zusammengesetzt, ergänzt durch überdimensionale Pillen aus Plastik.
Die Wucht der Inszenierung
Wenn man als Zuschauer*in denkt, den Höhepunkt bereits erreicht zu haben, beweist Melles Welt das Gegenteil. Höher, schneller, weiter. Dann wieder tiefer, dunkler, stiller.
Und selbst nach Momenten der Einsicht und Regulation gibt es kein dauerhaftes Durchatmen. Der Kopf dreht sich weiter. Die Kontrolle gleitet immer weiter aus den Fugen.
Besonders die manischen Phasen werden dabei mit großer Wucht dargestellt. Ihre Unkontrollierbarkeit, ihre Energie und ihre Überschätzung sind körperlich spürbar. Ebenso eindrucksvoll gelingt der anschließende Fall zurück in die Realität – die Erschöpfung, die Konfrontation und Stille danach.
In den depressiven Phasen fehlte für mich teilweise diese emotionale Wucht. Ich wäre gerne noch mehr in den Sog der Leere, Schwere und Dunkelheit gezogen worden, um im Auf und Ab von Melles bipolarer Welt gleichermaßen emporzuschweben und abzustürzen.
Besonders gelungen fand ich die Verbindung von Schauspiel, Bewegung und Klang. Gesten und Bewegungen werden nicht allein visuell erzählt, sondern dramaturgisch durch Geräusche und Musik unterstützt. Dadurch werden Bewegungen und Handlungen auch hörbar und körperlich erfahrbar.
Schauspielerisch überzeugt die Hauptdarstellerin Paulina Alpen auf ganzer Linie. Obwohl sie nahezu den gesamten Abend allein auf der Bühne trägt und die einzige durchgehende Sprechrolle innehat, gelingt es ihr, die Zuschauer*innen abzuholen und den gesamten Abend mitzunehmen. Unterstützt wird sie von den sechs Doppelgängern, die stets synchron agieren und als Ensemble hervorragend zusammenarbeiten. Sie bleiben nicht nur bloße Nebenfiguren, sondern werden zu Erweiterungen von Melles Gedankenwelt und seiner Persönlichkeit.
Die Geschichte hinter der Geschichte / Zwischen Bühnenfigur und Biografie / Vom Rausch zur Reflexion
Im letzten Drittel kehrt schließlich etwas Ruhe ein. Das Publikum kann wieder durchatmen, verarbeiten und zuhören. Nun rückt die konkrete Lebensgeschichte des Autors Thomas Melle stärker in den Mittelpunkt. Durch Zitate, Reflexionen und autobiografische Einordnungen werden die zuvor erlebten Zustände in einen größeren Zusammenhang gesetzt.
Gerade diese abschließende Einordnung macht die Inszenierung besonders wirkungsvoll. Das Publikum erhält nicht nur einen emotionalen Eindruck davon, wie sich manische und depressive Phasen anfühlen können, sondern auch ein besseres Verständnis dafür, welche Folgen und Konsequenzen die Diagnose für das Leben eines Menschen hat.
Das Theaterstück (sowie auch das Buch von Thomas Melle) „Die Welt im Rücken“ sensibilisiert eindrucksvoll für die Lebensrealität einer bipolaren Störung. Gerade weil die Geschichte aus der Perspektive eines Betroffenen erzählt wird, wirkt sie authentisch. Die Dimensionen im Rahmen der Audiodeskription beschrieben zu bekommen und die Größe, Last und Raumgestaltung durch die Tast- und Bühnenführung selbst real greifen zu können, eröffnete einen zusätzlichen wichtigen Zugang zur Inszenierung. Die detaillierte, präzise und gut integrierte Audiodeskription begleitete durch das Erlebnis und wurde auch von meiner sehenden Begleitung sehr wertgeschätzt, die die Beschreibungen von Mimik, Gestik und Blickrichtungen als Bereicherung für zusätzliche Perspektiven auf das Bühnengeschehen erlebte.
Das Stück ist eine starke und wichtige Wahl für das Theatertreffen 2026 in Berlin – und wer demnächst mal im Raum Stuttgart unterwegs ist, der sollte sich unbedingt über die Spielzeiten des Stückes am Schauspiel Stuttgart informieren*.
*leider wird die Inszenierung in Stuttgart nicht mit Audiodeskription angeboten

