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Willkommen zurück – alter Blog, neue Autorin

Posted in Allgemein

Mein Name ist Emilia Dorfner und mit diesem Beitrag wage ich mich das erste Mal an einen Bericht über einen Theaterbesuch und dabei ist es auch noch eine meiner ersten Theaterveranstaltungen mit Audiodeskription – damit betrete ich gleich mehrmals Neuland. Zwar habe ich bereits viel Erfahrung mit Audiodeskription, aber eher im Kino-Bereich – Live-Audiodeskription im Theater ist damit aber schwer zu vergleichen. Nach meinem abgeschlossenen Studium der Rehabilitationspädagogik beschäftige ich mich mit besonderer Freude mit der gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Behinderungen – dabei ist vor allem der Kulturbereich mein ganz besonderer Herzensbereich geworden, dessen inklusive Angebote ich als blinde Person gerne nutze und ausprobiere.

Sie verdreht genervt ihre Augen, als sie von Shakespeare hört

Vor ein paar Wochen hätte ich nicht gedacht, dass ich mich nochmal freiwillig mit Shakespeare beschäftigen werde, denn mit Namen wie Shakespeare, Goethe oder Hoffmann verbinde ich eher zähe Schulstunden, endlose Interpretationen und viele Fragezeichen. Aber vielleicht hat Shakespeare eine zweite Chance verdient?

Natürlich wollte ich wollte nicht unvorbereitet in das Stück „Was ihr wollt“ von Shakespeare reingehen, habe es vorab gelesen und überaschenderweise richtig Spaß dabei gehabt. Vielleicht liegt es am Werk selbst oder daran, dass ich diesmal freiwillig dabei war. Spätestens die Inszenierung des Berliner Ensembles hat mir dann eine ganz neue Welt geöffnet.

„Was ihr wollt“ von William Shakespeare:

Eine spritzige Verwechslungskomödie voller verkleideter Herzen, schräger Nebenfiguren und Liebeschaos, in der am Ende (fast) alle kriegen, wen sie wirklich lieben – auch wenn sie das zwischendurch selbst nicht checken und die Handlung in völliges Chaos ausartet.
Es lohnt sich im Vorhinein, sich mit dem Inhalt des Stücks kurz auseinanderzusetzen – wobei das Wichtigste auch in der audiodeskriptiven Einführung aufgegriffen wird. Generell bekommt man durch die Einführung schon vorab ein gutes Gefühl und eine Vorstellung von der Inszenierung des Stücks. So kann man direkt ins Geschehen eintauchen, sobald der Vorhang aufgeht.

Alter Literatur-Klassiker trifft auf moderne Klassiker der Meme-Kultur

Gleich zu Beginn wurde ich – beziehungsweise wir alle – direkt ins Geschehen gezogen: Sir Tobi dirigierte das Publikum und plötzlich waren wir nicht mehr nur Zuschauende, sondern mittendrin. Spätestens da war klar, worauf wir uns die nächsten drei Stunden einstellen konnten – auf ein Stück, das an Komik, Übertreibung und Tempo definitiv nicht spart.

Das Ganze bewegt sich ständig zwischen Originaltext und völlig neu gedachten, modern interpretierten Szenen – und genau dieses Pendeln macht den Reiz aus. Olivia wirkt in ihrer ernsten, fast majestätischen Art und der alten Sprache wie aus der Zeit gefallen, während Sir Tobi als hedonistischer Lebemann sämtliche Hofregeln sprengt. Wenn dann beispielsweise die alte Sprache mit moderner Jugendsprache fusioniert wird, mit Memes und schlechten Anmachsprüchen um sich geworfen wird, fliegen die klassischen Theaterregeln kurzerhand über Bord – und ehe ich mich versehe, singt der ganze Saal „Halt dein Maul“ und ist Teil einer eskalierenden Party.

Mit Mitte 20 erkenne ich viele dieser Memes sofort – doch oft fragte ich mich, wie dies bei den älteren Generationen ankommt. Muss man die Anspielungen überhaupt kennen, um lachen zu können? Dem Gelächter im Saal nach zu urteilen, funktioniert der Humor generationenübergreifend. Gerade durch dieses Wechselspiel zwischen Alt und Neu wird ein Stoff, der in der Schule eher trocken wirkte, plötzlich lebendig und relevant – auch wenn die moderne Zuspitzung für mich manchmal eine Gratwanderung bleibt zwischen pointiert getroffen und vielleicht doch ein kleines bisschen zu sehr „Wir wollen unbedingt modern sein“.

Liebe, Lust und Rollenbilder

Im Kern befasst sich das Stück und auch die Aufführung mit schwankenden Identitäten: Viola verkleidet sich als Mann, um sich in einer für sie fremden Welt schützen und eine neue Identität aufbauen zu können – Begehren verschiebt sich, Rollen geraten ins Wanken. Das Berliner Ensemble treibt es weiter, indem auch andere Figuren gegen ihre ursprüngliche Geschlechterzuschreibung besetzt werden – etwa die von einem Mann gespielte, im Drag-Stil inszenierte Olivia.

Damit wird Gender weniger als feststehende Eigenschaft gezeigt, sondern als etwas, das hergestellt, gespielt und gelesen wird. Die Inszenierung zeigt, wie konstruiert und wandelbar Geschlechterrollen sind und wie brüchig die Erwartungen an diese. Die klassische Verwechslungskomödie sendet eine spielerische, aber durchaus klare Aussage: Identität ist fluide, Begehren nicht eindeutig. Die starren Erwartungen daran wirken fast genauso absurd wie das Liebeschaos auf der Bühne.

Audiodeskription, die lebt

Die Begleitung durch die Audiodeskription fühlte sich nicht an wie ein Zusatz, sondern wirkte vielmehr wie ein fester Teil der Inszenierung, denn sie hat mit dem Stück mit gelebt. Aus dem Kino kenne ich Audiodeskription sachlich, ruhig und eher neutral eingesprochen – hier im Theater war das anders: Die Sprecherin ist total mit dem Vibe des Stücks mitgegangen und hat mich damit richtig abgeholt. Durch Klang, Rhythmus und Emotionen in der Stimme konnte ich auch die nonverbalen Momente auf der Bühne miterleben.

Raffiniert fand ich auch die pantomimisch dargestellten Handlungen, die teilweise Requisiten ersetzt haben. In der Einführung wurde das zwar angekündigt, trotzdem war ich erst skeptisch. Auf der Bühne hat es mich dann aber überzeugt: Jede Pantomime wurde mit passenden Lauten begleitet – wenn z.B. Geld übergeben wurde, machte es eben „Pling“ – „Plong“. Selbst mit Audiodeskription begleitet fand ich das eine clevere Lösung, um Pantomime auch akustisch erlebbar zu machen.

Alles in allem ist das Ergebnis einer gut produzierten Audiodeskription für mich vor allem, dass ich mich im Anschluss ganz selbstverständlich mit meiner sehenden Begleitung über das Stück austauschen kann – ohne ständig offene Fragen klären zu müssen oder das Gefühl zu haben, etwas verpasst zu haben. Genau das hat hier wunderbar funktioniert. Der Heimweg war gefüllt mit lebhaften Diskussionen über unterschiedliche Wahrnehmungen und die Themen des Abends – und genau so sollte es sein.

Mein Fazit:

Ein fantastisch komisches Stück, das einen alten Text ordentlich aufmischt und mir trotzdem das Gefühl eines echten, klassischen Theaterabends gegeben hat. Am besten macht man sich selbst ein Bild. Wer also neugierig geworden ist, hat am 10. März nochmal die Chance, das Stück mit Live-Audiodeskription zu erleben – und sich seine ganz eigene Meinung zu bilden.

 

Am 10. März um 19 Uhr 30 im Berliner Ensemble 

„Was ihr wollt“ von William Shakespeare

Tickets kosten zwischen 7 und 57 Euro an der Theaterkasse unter 030 / 284 081 55, jeweils 50% Ermäßigung für Schwerbehinderte und deren Begleitung. 

 
Was ist ein Meme?
Ein Meme ist ein meist lustiger oder satirischer Inhalt in Form von Bildern, Videos oder Sprüchen, der sich im Internet rasant verbreitet, ständig neu variiert wird und daraus gemeinsame Witze mit Wiedererkennungswert entstehen lässt.
 

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