Es ist ein grauer Herbsttag. Draußen duftet es nach Laub und meine Hausmeisterin wirbelt mit ihrem Laubbläser zwar ineffektiv, aber dafür vollkommen tiefenentspannt mal hier, mal da einige Blätter auf. Ein perfekter Tag, um Revue passieren zu lassen. Hier an meinem Esstisch vorm Computer sind über einhundertachtzig Blogartikel in den letzten sechs Jahren entstanden, seitdem ich zum ersten Mal mit Theater und Audiodeskription in Berührung gekommen bin. So viele Texte, Theaterbesuche, Gespräche mit blinden und sehbehinderten Theaterliebhaber*innen, Moderationen, Teamtreffen, Vorträge. Und jetzt? Babygeschrei statt Theater-Tamtam. Ich hole mir das Theater ins Haus und meine Hauptdarstellerin wird vorübergehend meine zweite Tochter sein. Der Abschied ist gleichzeitig wehmütig und ersehnt. Wehmütig, da ich auf geraume Zeit die liebevollen Tastführungen des Deutschen Theaters, die skurrilen Dialoge der Volksbühne, den Gesang der Deutschen Oper, die wundervollen Schauspielerstimmen des Berliner Ensembles und das Boom-Boom-Bang-bang des Friedrichstadt-Palasts hinter mir lassen werde. Ersehnt, weil ich inzwischen so rund bin, dass ich kaum noch hinter den Tisch passe. Deswegen schreibe ich heute, solange es noch geht, und sage, wie Peter Alexander früher: „Dankeschön, es war bezaubernd, Dankeschön!“
Wie alles begann
Als ich zum Berliner Spielplan Audiodeskription kam, hatte ich nur wenig Erfahrung mit Audiodeskription. Hier und da hatte ich einige Filme gesehen, die mich allerdings bis dato wenig begeisterten, denn wie ich feststellen sollte, war Audiodeskription etwas, an das man sich gewöhnen musste. Mal passte sie zu einer Geschichte wie die Faust aufs Auge, mal war sie einfach zu viel.
Davor schrieb ich monatelang suchmaschinenoptimierte Texte, die jeglicher Grammatik trotzten, darunter Sätze wie: „Dieser Wandschrank weiß passt perfekt in jedes Wohnzimmer“.
Stattdessen an etwas mitzuarbeiten, das Sinn hatte, inklusiv war und das es bis dato in Berlin kaum gab, erschien mir sehr aufregend. Außerdem durfte ich schreiben wie mir der Schnabel gewachsen war…
Als ich dann mein erstes Stück (ein Tanzstück) mit Audiodeskription hörte, wurde mir klar, warum der Berliner Spielplan so wichtig ist: ein geschultes Autorenteam, blinde/sehbehinderte Redakteur*innen, eine Vorauswahl der besten Stücke, Saalprüfungen und Evaluationen. Wo ich noch bei meinem ersten Stück überfordert war, weil die Audiodeskription von der Autorin eher als Fußballkommentar gesprochen wurde, waren die Stücke des Berliner Spielplans zwar nicht immer gut besucht von blinden und sehbehinderten Zuschauer*innen, aber dafür qualitativ hochwertig.
Sechs Jahre Theaterblog
Am Projekt „Berliner Spielplan Audiodeskription“ gefiel mir immer am besten, dass ich mich ausprobieren durfte. Im Blog alleine waren meiner Fantasie keine Grenzen gesetzt. Am besten gefielen mir natürlich die Theaterrezensionen, weil sie es mir ermöglichten, viele Stücke in den letzten Jahren zu erleben, die ich auf eigene Initiative hin wahrscheinlich nie besucht hätte, darunter meine Highlights: „AIDA“ an der Deutschen Oper, „Woyzeck Interrupted“ am Deutschen Theater, „Wachs oder Wirklichkeit“ an der Volksbühne und „1984“ am Berliner Ensemble.
In Corona-Zeiten sind eine Menge toller Formate entstanden und ein Format, das sich bis heute erhalten hat, ist der Theaterclub. Wir trafen uns alle zwei Monate, um über Theaterstücke, Inklusion in der Berliner Kulturlandschaft, Schauspiel, inklusive Tanzformate und viel, viel Audiodeskription zu sprechen. Neue spannende Themen zu finden, war dabei die größte Freude und die größte Herausforderung. Einige der Theaterclubs könnt ihr auf unserem Podcast-Kanal anhören.
Am spannendsten waren ein Interview mit einer sehbehinderten Schauspielerin über die Schauspielausbildung als sehbehinderte Person, die Erfahrungen einer sehbehinderten Dramaturgin und Theaterpädagogin mit künstlerischer Audiodeskription, ein Austausch mit einer Professorin über den Zusammenhang zwischen Audiodeskription und Übersetzung, ein Interview mit der Leiterin des Berliner Theatertreffens und zuletzt ein Gespräch über die Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz für Audiodeskription. Es war bunt, abwechslungsreich und aufregend, selbst im Lockdown.
Leider kam es wie es immer kommt. Die nächste Krise stand bereits vor der Tür mit Sparmaßnahmen, die alle Kulturbereiche betrafen und unser Nischenthema „Audiodeskription“ ins Straucheln brachten. Wir wehrten uns mit E-Mail-Aktionen, Demos, Trauermärschen und Protestfilmen, mit Gesprächen und vielen Klinkenputzaktionen. Audiodeskription ist wichtig und Inklusion ist leider immer wieder und immer noch ein Kampf, der nicht endet.
Trotzdem, als wir mit anderen schwarzgekleideten blinden, sehbehinderten und sehenden Theaterliebhaber*innen und Theaterschaffenden einen Trauermarsch abhielten, war klar, dass dies ein Thema ist, das am Herzen liegt.
Abschied und Neubeginn
Im Augenblick steht das Projekt noch in der Schwebe. Während ich auf die Geburt meiner zweiten Tochter warte, hoffen wir alle, dass der Berliner Spielplan Audiodeskription genügend Gelder sammeln kann, um weiterzumachen. Der Haushalt sichert zwar das Projekt auch im nächsten Jahr. Allerdings braucht es weitere Finanzierungen, damit aus dem bislang Drei-Frauen-Team nicht eine Ein-Frau-AG wird, die nur noch aus der kompetenten Imke Baumann besteht. Sie scheint zwar so viele Arme zu haben wie ein Oktopus, aber die sind bereits alle verplant.
Sechs Jahre lang durfte ich ein Teil dieses Teams sein. Liebes Team, in Gedanken bin ich bei euch. Ich werde an euch denken, wenn ich nachts zwei Kinder in den Schlaf singe, Windeln wechsle, im Stehen einschlafe und von Kleidern ohne Flecken träume. In Gedanken bin ich dann im Theater, geduscht, die Haare gekämmt, das Gespräch anregend intellektuell.
Der Vorhang fällt
Der Laubbläser ist verstummt. Die Sonne lugt hervor. Meine Tochter im Bauch scheint Schluckauf zu haben. Und ich schließe diesen letzten Artikel und meinen Rückblick vorerst ab. Besonders vermissen werde ich meine langjährige Projektleiterin Imke. Zum Abschied hat sie mir eine Mütze im Stil der 1920er aus Wolle geschenkt. Auf meine Frage hin, ob sie die selbst gestrickt hat, antwortet sie nur trocken: „Natürlich nicht!“ Wer hat schon Zeit zum Stricken, wenn man in der einen Hand das Telefon, in der anderen Papiere hält und gleichzeitig Audiodeskriptionen koordiniert und Anträge schreibt?
Jetzt schließe ich meinen Computer und wälze mich vom Stuhl, dankbar für sechs inspirierende Jahre. Vielleicht wachsen mir ja demnächst doch noch ein paar Arme. Ich könnte sie gut gebrauchen.
„Danke, Berliner Spielplan Audiodeskription!“
Liebe Lavinia,
sehr herzlichen Dank für diesen lebendigen Bericht aus deiner Textschmiede. Mit großer Freude habe ich aus deinen Zeilen herausgelesen, dass dir der Spielplan und unsere Zusammenarbeit Spaß gemacht und dich persönlich bereichert haben. Wie schön ist das denn! Tatsächlich fällt es mir schwer, mir einen Spielplan ohne Lavinias Theaterclub, Lavinias wunderbare Blogartikel und vor allem die immer wieder anregende Diskussion, das kreative Brainstorming zu allen möglichen Aktionen und Events, die wir gemeinsam angezettelt haben, vorzustellen. Das war super!
Wir (und ich) werden dich vermissen. Mir bleibt die Hoffnung, dass man sich im Leben ja immer zweimal begegnet und dass in diesem Sinne noch nicht aller Tage Abend ist…
Erst einmal wünsche ich alles Gute für das bevorstehende Ereignis und freue mich auf Babyfotos
Imke
PS: Die Mütze steht dir ausgezeichnet und hält hoffentlich Kopf und Gedanken warm.
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